FASZINATION PICASSO

Noch bis zum 26. Mai 2019 läuft die Ausstellung “Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode” in der Fondation Beyeler bei Basel. Pablo Picasso zählt zu den bedeutensten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die Werke seiner frühen Phasen, eingeteilt in die sogenannte Blaue und Rosa Periode (zwischen 1901 und 1906), sind weltbekannt und trotzdem so gut wie nie in einer solchen Fülle zu sehen. Die hochemotionalen Bilder gelten als Wegbereiter für Picassos Aufstieg zu dem Künstler, den wir heute kennen und bewundern.

„Kulturereignis des Jahres 2019“ so bewirbt die Fondation Beyeler ihre aktuelle Ausstellung. Die Besuchermassen bestätigen das. Es ist Mittwochmorgen – im beschaulichen Dörfchen Riehen am Rande Basels liegt das schöne Gebäude, welches Ernst und Hildy Beyeler Anfang der 80er bei  Stararchitekt Renzo Piano in Auftrag gaben. Durch die bodentiefen Fenster sieht man entweder die umliegenden Felder und Hügel oder den malerischen Garten mit dem bis ans Gebäude reichenden Seerosenteich. Die stimmungsvolle Kulisse ist nicht Voraussetzung, aber auf jeden Fall hilfreich um sich in dem frühen Werk Picassos zu nähern. Zwischen 1901 und 1906, Picasso (1881-1973) war damals erst Anfang zwanzig, schuf er die hoch emotionalen Gemälde. Es lohnt sich unter der Woche zu kommen, obwohl es selbst an einem Mittwochvormittag so gut wie unmöglich ist für länger als ein paar Sekunden alleine vor einem Bild zu stehen. Am Wochenende soll es noch wilder zugehen, an die 1000 Besucher waren es allein am vergangenen Sonntag, bestätigt die Dame am Infostand. Doch was macht diese Faszination aus? Ist es schlicht Picassos Name? Das Besondere der Ausstellung ist die einzigartige Qualität dieser wunderbaren und wegweisenden Werke, die zu den berühmtesten und kostbarsten überhaupt zählen. Eine solche Fülle an Meisterwerken dieser Schaffenszeit zusammen präsentieren zu können, ist schon eine Sensation. Außerdem kann man einen fragileren Picasso kennenlernen, jenseits der späteren Klischees der Persönlichkeit des Künstlers“.

PABLO PICASSO, FAMILLE DE SALTIMBANQUES AVEC UN SINGE, 1905
Gouache, Aquarell und Tusche auf Karton, 104 x 75 cm
Göteborg Konstmuseum, Ankauf, 1922
© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich
Foto: © Göteborg Konstmuseum

Das leuchtet ein, es gibt momentan eine Tendenz den Künstler von ihrem Genieposten herunterzuholen und den Menschen hinter dem Namen zu suchen. Meistens äußert sich das in einer gewissen Skandalisierung, Debatten der heutigen Zeit werden in die Vergangenheit übertragen und an den Überbleibseln ihrer Zeit aufgehängt. Im Falle des Künstlers ist es ihre Kunst: beispielhaft dafür die Me Too Bewegung, die auch vor den vermeintlich ehrwürdigsten Museen nicht Halt machte. Am Ende gab es Fälle, bei welchen darüber diskutiert wurde allzu polarisierende Bilder von den Wänden zu nehmen und in die Archive zu verbannen. Und auch Picasso bleibt von Kritik nicht verschont. Sein Umgang mit Frauen – skandalös, machohaft. Die Fragilität der blauen und rosa Periode scheint allerdings frei von niederen Trieben und ist dabei, trotz seines jungen Alters, keinesfalls naiv. Die Ausstellung begleitenden Wandtexte führen chronologisch sortiert und wunderbar anschaulich in Picassos frühen Jahre ein, geprägt von Armut und menschlichen Verlusten. Zwischen Paris und Barcelona pendelnd meint man er war auf der Suche nach etwas – etwas Neuem, etwas, was man von Malerei noch nicht kannte. Seine Motive aus der Zeit ab 1901 lassen viel davon erahnen, was später noch kommen sollte und doch stehen die einzelnen Perioden für sich. Anfangs vornehmlich von der Farbe Blau dominiert, bildet die erste Phase die Abgründe der menschlichen Seele in Form von Trinkern, Prostituierten und Depressiven ab. Dann – Raumwechsel –  der Bruch, ab 1905 in Rosa der vermeintlich fröhlichere, aber keinesfalls weniger tiefsinnige Teil des gesellschaftlichen Randes – Artisten, Gaukler, Harlekine. Für die Ausstellung arbeitete die Fondation Beyler mit dem Musée Picasso und dem Musée d’Orsay zusammen, vor einem Jahr erst konnte man viele der Werke in Paris bewundern. Bouvier tauschte einige Werke aus und sortierte die rund 75 Bilder und Skulpturen neu, er hat es geschafft einen mitzunehmen, auf eine bergige Reise durch Picassos frühen Jahre.

PABLO PICASSO, AUTOPORTRAIT, 1901
Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm
Musée national Picasso-Paris
© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich
Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabeau

Aber wie wichtig ist der Kontext, in welchem der Künstler arbeitet, trennt man Werk und Künstler nur dann, wenn die Persönlichkeit zu kritisch wird? „Ich persönlich würde sagen, dass man Werk und Künstler grundsätzlich voneinander trennen muss. Aber natürlich gibt es biographische Informationen, die auch wichtig sind, um gewisse Werke besser verstehen zu können.“ so Bouvier. Ja es geht um die Kunst, das wird klar wenn man die Räume der blauen und rosa Periode verlässt. Gut komprimiert wird hier die Ausstellung abgerundet, im restlichen Gebäude ist die Sammlungspräsentation „Picasso Panorama“ mit Werken aus den hauseigenen Archiven zu sehen, Primitivismus, Kubismus, Picassos Wegbegleiter und Vorbilder, die Besuchermengen reißen nicht ab und man lernt eben nicht nur Picassos Leben, sondern auch eine Zusammenfassung der modernen Kunstgeschichte kennen. „In aller Bescheidenheit darf man sagen, dass diese Ausstellung eine „once in a lifetime“-Ausstellung ist, wofür es sich unbedingt lohnt zur Fondation Beyeler zu fahren“ so Bouvier abschließend. Dem ist vorerst auch nichts mehr hinzuzufügen.

 

 

Text TOBIAS LANGLEY HUNT