EINEN LIEBESBRIEF SCHREIBEN…

Diane Izabiliza und Peer Lie Ning sind FreundInnen und schreiben über Schmerz, Verzweiflung, Ärger, Liebe und Leben – ein persönlicher Liebesbrief  an die Schwarze Community und an sie selbst.

Wieder eine Schwarze Person, die ermordet wurde? Eine Nahaufnahme einer Schwarzen Person auf Social Media lässt meinen Puls in die Höhe schnellen. Immer wieder Fotos von einem Mann, manche mit der Aufschrift Black Lives Matter. So erfuhr ich auf Social Media vom Mord eines weißen Polizisten an dem afroamerikanischen Mann George Floyd.

Meine Reaktion: besser keine Berichte dazu lesen, nicht die Bilder sehen. Ich weiß nie, wo die nächste, für einige unaufmerksame rassistische, Aussage, das nächste traumatisierende Bild lauert. Selten gehen Medien mit den Bildern von Schwarzen Menschen achtsam um. Die Entmenschlichung, killability Schwarzer Körper durch ihre Darstellung in den Medien nimmt mich mit, macht mich wütend, traurig, wahnsinnig. Die detailgetreue Wiedergabe der Tat spielt sich in meinem Kopf immer wieder ab, manifestiert sich in meinem Körper, macht mich schwer. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es für die Familie und Freund*innen von George Floyd sein muss.
Gibt es nicht andere Möglichkeiten über rassistische Polizeigewalt zu berichten, als diese Videos wieder und wieder zu zeigen? Natürlich gibt es sie.
14 Jahre alt warst du, lieber Peer, als ich dich kennenlernte, und wie ein Bruder für mich, weit weg von meiner biologischen Familie. Gemeinsam mit dir in der aktuellen Rassismusdebatte diesen Artikel zu schreiben, ist ganz besonders: den Blick auf etwas Empowerndes, Positives richten. Einen Liebesbrief an unsere Communities schreiben.

Etwas hält mich davon ab.

Es ist als stehe ich vor einem Regenwald. Keinem schönen. Einem unüberwindbaren Zaun aus verworrenen Pflanzen und Bäumen. In der Ferne ein Berg. Er leuchtet einladend. Zwischen dem Berg und mir der Regenwald. Ich muss da durch. Um mich herum viele Bienen, ihr Summen tief und laut. Manchmal stechen sie mich. Ich bin daran schon gewöhnt, merke nur ab und zu, dass ich einen neuen Stich abbekommen habe. Oder wenn mich jemand anderes darauf anspricht.
Der Berg, er steht für Heilung, Hoffnung, Liebe und Gerechtigkeit. Wo meine Schwestern und Brüder warten, meine Vorfahren, meine (Bücher-)Held*innen. Was mich davon abhält direkt auf diesen schönen Berg zu steigen, ist Schmerz, Verzweiflung, Frust, Ärger. Auch Resignation und Bitterkeit drängen sich in den Vordergrund. Immer schon da gewesen, aber meist gut zu handhaben. Wie Stiche. Trotz allem, ich bin immer noch hoffnungsvoll und fühle mich handlungsfähig. Aber an mir nagt eine kleine Gefühllosigkeit, die sich hier und da im Alltag zeigt.

Diese Taubheit begleitet mich als bitterer Sud, ein faulig riechendes Rinnsal im undurchdringbaren Regenwald:
Auf Social Media unterwegs sein, ohne auf die Bilder von George Floyd und seinem Tod, den Protesten und Demonstrationen zu stoßen: unmöglich. Und das ist auch gut so! Aber ich frage mich, was kommt danach? Am 2. Juni 2020 hatten viele unter dem #blackouttuesday ein schwarzes Rechteck auf Social Media-Plattformen gepostet, um auf Rassismus und Polizeigewalt aufmerksam zu machen. Viele posteten #blacklivesmatter, zeigten sich empört und solidarisch. An vielen Orten gab es Demonstrationen. Aber was kommt danach? Für einige Menschen bedeutet der Vorfall von George Floyd und die Reaktionen aus schwarzen Gemeinschaften und solidarischen Menschen ein Aha-Erlebnis: Bleibt es für einige Menschen nur bei einer Aktionswoche, bei der man mal mitmacht und danach kommt wieder etwas Anderes? Die Gefahr besteht, wenn Leute, und damit meine ich vor allem weiße Leute, Vorfälle wie den von George Floyd nicht im Zusammenhang mit anderen Rassismen verstehen.

George Floyd und die abertausend anderen Schwarzen (trans und cis) Frauen, Kinder, (trans und cis) Männer, Jugendliche und nicht-binären Personen sind nicht gestorben, weil ein einzelner rassistischer Polizist eine falsche Entscheidung getroffen hat. Diese Menschen sind alle ermordet worden, weil unsere gesellschaftliche Struktur auf white supremacy, dem Anspruch auf weiße Vorherrschaft, beruht, auch in Deutschland. Und diese Morde sind nur der Gipfel rassistischer Strukturen. Was sich darunter verbirgt, ist die strukturelle, die institutionelle und die alltägliche Gewalt, die es weißen Menschen ermöglicht mehr Mensch zu sein als Schwarze Menschen.

Solange diese Vorfälle wie eine Aktionswoche gehandhabt werden, solange wir keinen gesellschaftlichen Wandel vollziehen, solange wir das Problem bei den anderen finden, aber nicht auch bei uns, in unserer Mitte, solange sind wir, seid ihr, Teil des Problems. Und da tröstet es mich herzlich wenig, dass ihr Black Lives Matter-Shirts tragt und Nazis verabscheut. Das reicht nicht! Dafür aufzustehen, dass Schwarzes Leben zählt, ist kein Trend, der in der nächsten Saison von einem anderen abgelöst wird. Es ist eine lebenslange Aufgabe, eine anstrengende Aufgabe. Eine, für die ihr kein Abzeichen und kein Lob erwarten solltet, denn es sollte selbstverständlich sein.

Gibt es denn in Deutschland auch wirklich Rassismus? Die immer wieder aufkommende Frage langweilt mich bestenfalls. Gegenfrage: Wie können wir im Jahr 2020 darüber ernsthaft diskutieren? Vergessen scheint wohl die Geschichte der deutschen Kolonialzeit und rassistischen Pseudowissenschaften, Vergessen der Holocaust, der Porajmos. Die anhaltende Gewalt gegen Schwarze Menschen, gegen People of Color und Jüd*innen. NSU, Halle, Hanau, Neukölln. Vergessen das Schließen der Grenzen, der fortdauernden Abschiebungen in vermeintlich sichere Herkunftsländer, Racial Profiling, die ständigen Mikroagressionen, Verordnungen und Gesetze, die das Leben von BIPOC erschweren. Das ist Teil unserer Geschichte und Gegenwart. Das ist Deutschland.
Gleichzeitig sehe ich, wie Schwarze Kultur freudig konsumiert, nachgemacht und geklaut wird – bitter, schmerzhaft. Ein Demonstrationsschild trifft den Nagel auf den Kopf: Love Black people as much as you love Black culture. Getrennt wird zu oft und zu beiläufig zwischen den Menschen, die die diese Kulturen kreieren, und den Menschen, deren Tod einige von euch immer noch billigend in Kauf nehmen. Das macht mich bitter, das macht mich verzweifelt.

Liebesbrief, eigentlich wollte ich einen Liebesbrief an Schwarze Menschen schreiben. Warum komme ich so schwer an dieses Ziel? Ich muss mich erst einmal aus diesen Fängen befreien, sie ausspucken, bevor ich das mache, was mein eigentliches Ziel ist. Immer wieder werde ich aufgehalten.

Toni Morrison schreibt: The function, the very serious function of racism is distraction. It keeps you from doing your work. Rassismus hält uns davon ab das zu tun, was wir machen möchten. Ob es Rassismus in Deutschland gibt, ist es denn wirklich so schlimm, kann man das überhaupt vergleichen – das sind Fragen, die aufhalten und die Rassismus aufrechterhalten.”

“Wir, die wir es wagen, andere Wünsche zu haben…, schreibt bell hooks. Liebe Diane, an dieser Stelle kann ich vielleicht übernehmen. Mein Name ist Peer Lie Ning und ich bin ein in Berlin lebender Schwarzer Künstler.

Diane war eine der ersten Personen in meinem Leben, die mich einfach gesehen hat. Damals, in Ost-Berlin. In einer Kommune, in der meine Mutter und ich den Alltag mit 25 Menschen teilten. Diane zog ein, meine Pubertät schlug ein. Als Diane ihren Weg in mein Leben fand, wälzte sich meine eigene Wahrnehmung um. Zuvor passte ich mich meinen hauptsächlich weißen MitschülerInnen an, buckelte und verformte mich. Selbstschutz. Gegen die Beleidigungen, gegen die Kommentare zu meiner Hautfarbe, zu meiner Sexualität, zu meinem nicht cis-gender entsprechenden Auftreten.
Anders Diane, hier ging es um mich. Punkt. Nicht um Stereotype, nicht um Vergleichen, um Hierarchien, Profit, nicht um Besitz. Einzig zwei Subjekte, die sich neugierig, ohne Vorannahme kennenlernen wollten.

Yoku mireba
Nazuna hana saku
Kakine kana.
⁃ Haiku von Basho, das übersetzt:

Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh’ ich die Nazuna
An der Hecke blühen! bedeutet.

Das Gedicht spricht von Respekt, Erkenntnis, Wachsamkeit, Behutsamkeit und Liebe. Attribute, die auch auf den Berg zutreffen können, den du, Diane, beschreibst. Attribute, die du mir damals entgegenbrachtest:
Du warst stark in einem Moment, in dem ich vergessen hatte, dass Starksein eine Option ist. In Berlin aufzuwachsen, in einer Stadt die primär weiß bevölkert ist, in einem System, das so heftig von rassistischen Strukturen durchwachsen ist und sich gründet auf einer religiösen Institution, die niemals das Blut von ihren Händen waschen kann, einer Kolonialgeschichte, die kaum bis gar nicht in der erzieherischen Bildung behandelt wird – für mich, einen jungen Schwarzen Peer, eine schmerzhafte Realität. Worte hatte ich keine für diesen Schmerz. Gefehlt hatte eine Person, die mich aufklären konnte. Über diese Realität mit ihren Konsequenzen, die sich gar nicht gegen mich als Subjekt richteten – sondern gegen mich als queeren Schwarzen Körper richteten.

Bis du kamst, Diane. Und mir die Schönheit im Sein gezeigt hast. Daher möchte ich in diesem Moment übernehmen.

Es ist wichtig für uns Schwarze Menschen und Menschen of Color, auf uns selber und auf einander aufzupassen. Jetzt und seit Hunderten von Jahren haben wir das Recht wütend zu sein, traurig zu sein, zu schmerzen. Und nur dann, wenn wir es uns selbst gegenüber verantworten können, können wir die Kraft aufbringen, aufzuklären, zu schützen, zu lehren und zu stützen.

Den Urwald kann ich zwar nicht lichten, ich wandere mit dir gemeinsam hindurch. Aber vielleicht kann ich mich um deine Stiche kümmern. Den Schmerz kenne ich, und Möglichkeiten ihn zeitweilig zu lindern. Oder mit wohltuenden Gerüchen die Präsenz des faulig-bitteren Rinnsals auszublenden. Oder die VR- Brille auf deiner Nase leicht verrücken, um deinen Blick freizumachen auf das Plateau des Berges, auf dem wir bereits stehen.

Ein Blick, der uns, wie bell hooks schreibt, von der üblichen Art, Schwarz zu sein und uns selbst zu sehen, löst. Denn der Urwald ist eine Projektion, die zerstört werden kann. Um das zu erreichen, müssen wir unsere eigenen Projektionen kreieren. Bilder schaffen, die eine Zukunft ausmalen, die mit uns gedacht ist. Fiktionen einer Welt denken ohne patriarchale Machtstrukturen, ohne institutionellen und systemischen Rassismus, ohne Sexismus, Homo-, Trans*-, und Inter*feindlichkeit, ohne Ableismus, eine Welt ohne ein kapitalistisches System, das den Planeten zerstört. Klingt utopisch? Klingt unerreichbar? Manches was in Science- Fiction-Filmen und Büchern der 1960er reine Fantasie war, ist in den 2020ern längst alltäglich, beinahe schon veraltet: zum Mond reisen, Daten austauschen über tausende Kilometer innerhalb von Sekunden. Wenn junge Menschen fantastische technische Errungenschaften dargestellt sehen und daraufhin beginnen, diese in die Wirklichkeit zu übersetzen, scheint Utopie gar nicht mehr so unmöglich. Warum also tun wir uns so schwer damit, utopische soziale Umwälzungen anzunehmen? Warum scheint eine Welt, in der es allen Menschen gut geht, so viele Menschen abzuschrecken? Warum halten wir es für unmöglich ohne Schmerz Heilung zu erfahren? Ich kann die Antworten nur erahnen. Wissen tue ich aber, dass wir radikal/e Alternativen schreiben müssen.

Wir beide können heute ein Bild weitermalen, das andere vor uns begonnen haben und von dem wir uns wünschen, es in der Zukunft zu sehen. Wir können etwas Empowerndes, etwas Positives schreiben. Einen Liebesbrief an unsere Schwestern und Brüder und Geschwister, weil wir uns durch diese ganze Zeit, die Gewalt, diesen Frust, diesen Ärger, sehen möchten und sehen.
Wir möchten nach euren Händen greifen und euch und uns zurufen, dass wir nicht alleine sind. Wir wollen uns sagen, dass uns mehr verbindet, als (diese alltäglichen) Rassismuserfahrungen. Wir möchten uns sagen, dass wir in dieser Zeit so empfinden können wie wir wollen. Egal welche Gefühle bei uns hochkommen. Wie wir mit dieser Situation umgehen, unterliegt uns und braucht keine Rechtfertigung. Wir möchten uns zurufen, dass wir nicht immer stark sein müssen. Wir wollen uns aneinander anlehnen, vulnerabel sein, müde sein. Es wird jemanden geben, der*die, dich, uns hält. Wir möchten an unsere Zukunft denken, mit euch davon träumen und Schritte überlegen, wie wir dahin kommen.
Wir möchten als ganze Menschen gesehen werden. Nicht auf einen Teil unserer Identität reduziert und als Stellvertreter*innen für eine angenommene homogene Gruppe Schwarzer Menschen behandelt werden. Wir wollen Vertrauen in die Welt und alle Menschen haben. Wir wollen uns leicht, mit ausgebreiteten Armen durch diese Welt bewegen, ohne Angst davor zu viel wir zu sein. Wir wollen freier lieben, freier leben, freier geben und nehmen. Wir wollen uns dem widmen, was uns wirklich interessiert. Wir möchten innehalten können, mit Energie und Zeit überlegen, wer wir eigentlich sein wollen. Wir wollen einfach nur sein. Und zum Schluss wollen wir wollen mit werden ersetzen.
Wir wollen mit euch, mit adrienne maree browns Worten, aktivistische Science-Fiction kreieren. Wir wollen einen Raum haben, in dem wir mit Respekt und Freude darüber reden können, wie wir miteinander leben wollen und was wir für diese Zukunft brauchen. Wir möchten euch halten, wir möchten uns halten. Wir möchten uns daran erinnern, dass wir Menschen sind. Wir wollen mit euch andere Bilder von uns sehen. Schwarzen Kindern zeigen wie vielschichtig, divers, schön, laut, leise, stark, vulnerabel und klug wir sind. Wir wissen das alles schon, aber wir möchten uns mit euch daran erinnern und uns feiern.

 

Diane Izabiliza, ist Filmemacherin und Absolventin des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit, in Berlin. Außerdem ist sie gelernte Erzieherin. Momentan studiert sie Soziokulturelle Studien in Frankfurt/Oder. Sie forscht über: Rassismus, Gender, Erinnerungskulturen und kritische Migrationsforschung. 2019 war sie Lehrbeauftragte, im Arbeitsbereich Diversity Studies/ Rassismus und Migration, an der Alice Salomon Hochschule, Berlin.

 Peer Lie Ning, besser bekannt als kurz:  Lie Ning, ist ein in Berlin lebender Musiker und Künstler (Schauspieler, Fotograf, Tänzer). Letztes Jahr erschien seine Debüt EP mit dem Titel „Traffic Songs For The Inbetweens“ und die medial viel besprochenen Singles „Tonight“ oder „Alright“.  Immer wieder wird seine „außergewöhnlich warme Stimme“ gelobt, die ihm zu einer steilen Kariere als Soul und modernen R&B Sänger verhelfen soll.

 

 

Words DIANE IZABILIZA & PEER LIE NING
Photo LILIANE UWAMALIYA