CONTEMPORARY MUSLIM FASHIONS

Mit dem Klischee ist es so eine Sache, fängt man sich eins ein, dann wird es schnell chronisch. Oft ist es harmlos – eine eingefahrene aber eigentlich schon überkommene Vorstellung von etwas. Manchmal aber fängt es an sich zu verformen, sich zu entwickeln, zu wachsen und wird dann zum Ressentiment, zum bösen Vorurteil. Ausgelöst durch äußere Umstände, auch wenn der kausale Zusammenhang nicht immer festgestellt werden kann.

Bağzıbağlı, Raşit für Modanisa Desert Dream Collection Spring/Summer 2018, © Modanisa

Eines der brisantesten Klischees in Gestalt vieler Vorurteile dieser Tage ist das Kopftuch, ein Stück Stoff, welches die Gemüter der unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Akteure aufkochen lässt. Alle haben eine Meinung und alle scheren diese über den bekannten Kamm. Das Kopftuch steht für muslimische Kleidung und für die muslimische Frau ganz allgemein, dadurch wird sie Opfer einer fatalen Pauschalierung und verkommt zum Symbol einer Debatte, welche keine Kompromisse kennt.

Missachtet wird dabei einiges. Erstens ist das Kopftuch als solches nicht vom Islam patentiert, zweitens trägt in Deutschland, laut einer Studie aus dem Jahr 2008, nur jede Vierte Muslima ein Kopftuch und drittens ist Kopftuch nicht gleich Kopftuch: man unterscheidet zwischen Hijab, Al-Amira, Chimar, Tschador, Nikab und der Burka, damit ist das ganze Spektrum von bloßer Verhüllung des Haars bis zur Vollverschleierung abgebildet. Letztere kommt in Deutschland so selten vor, dass eine Zahl die im Internet kursiert eher argumentativ für den einen oder für den anderen Standpunkt aufgeblasen wird.

Dies ist kein Artikel, welcher die Pros und Contras der Existenz des religiösen Textils diskutiert, schon gar nicht soll das Fass der Verschleierungs-Verbot-Debatte geöffnet werden. Vielmehr soll festgestellt werden, dass dieses Phänomen existiert und von individuellen Personen mit individuellen Beweggründen (aus)getragen wird.

Auslöser ist die noch bis zum 1. September laufende Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Sie beleuchtet, wie der Titel sagt, den modischen Aspekt der polarisierenden Kleidungskultur. Schlicht kuratiert, wie man es aus Kostüm-Galerien entsprechender Museen kennt, stehen die Figurinen aufgereiht an der Wand, ohne Drama und erzwungene Einordnerei. Der modeinteressierte Besucher kann sich ganz auf die Farben, Muster und Schnitte der vielseitigen Bekleidung konzentrieren.

Al-Badry, Wesaam Chanel #VII aus der Serie Al-Kouture 2018, Zur Verfügung gestellt vom Künstler und der Jenkins Johnson Gallery, San Francisco, © Al-Badry, Wesaam

Widiesta Dhari, Windri für NurZahra 2014 © NurZahra

 

Konzipiert wurde die Ausstellung im De Young/Fine Arts Museum in San Francisco und ist die weltweit einzige ihrer Art. Frankfurt stellt dabei die erste Station in Europa dar. Muslimische Mode wird, so lernt man, unter der Überschrift „Modest Fashion“ gehandelt, „modest“ kann mit dezent übersetzt werden, was angesichts der Farbpracht und derausladenden Stoffkonstruktionen einiger Entwürfe ein wenig kokett wirkt. Gemeint ist aber der Verzicht, den Körper zu betonen, was zutrifft und von Puppen getragen, eine beinahe künstlerische Skulpturalität zur Folge hat.

Damit vereinen viele Kostüme das Paradoxon, einer subtilen, „modest“ Auffälligkeit, fern von klischeehaften Zuschreibungen. Die Tradition und die Vielfalt der muslimischen Bekleidungskultur machen sich seit einigen Jahren auch immer mehr bekannte Modebrands zu eigen. Fast alle namenhaften Luxusmode-Häuser, ob aus Italien oder Frankreich,  schneidern Nebenlinien für den nahöstlichen Markt. Und natürlich geht es dabei um viel Geld. Wieder ein Punkt der kritisch, aber genauso auch als Chance beurteilt werden kann. Denn was das kapitalistische, industrielle Konzept von Mode hervorbringt, ist die Idee Individualität erwerben zu können – von Saison zu Saison immer wieder, so böse es klingt, so schön kann es sein. Soll das einer Gesellschaftsgruppe abgesprochen werden? Auch die modische Emanzipation der westlichen (christlichen) Frau hat grob zusammengefasst ihren Ursprung in der Industrialisierung des späten 17. Jahrhunderts. Und profitorientierten Kosmetikunternehmen ist der metro-sexuelle Mann zu verdanken, welchen charakterisiert seine „weibliche“ Seite zeigen zu dürfen. Abgesehen davon handelt man mit einigen Ländern besser mit Mode als mit Waffen.

„Contemporary Muslim Fashions“ bietet durch die vermeintlich Oberflächlichkeit der Mode einen Blick auf die Vielschichtigkeit dahinter. Es handelt sich um individuelle Menschen, die individuelle, modische Entscheidungen treffen. Die Aussage, welche die jeweilige Entscheidung treffen soll ist dabei erst einmal egal, denn wichtig für den westlichen Betrachter ist die Akzeptanz einer existierenden Person hinter ihren Gewändern. Zu keinem Zeitpunkt stellt die Ausstellung dabei die Kritik an der Unterdrückung der Frau in Frage.

Pro Hijab, Zeina Nassar, Boxerin, Fotoserie von Rick, Guest @ East, 2017, © Nike, Inc.

Matthias Wagner K, Museumsdirektor des Museum Angewandte Kunst beantwortete uns ein paar Fragen zum Hintergrund von „Contemporary Muslim Fashions“:

TOBIAS LANGLEY HUNT Gibt es schon Rückschlüsse auf den Erfolg der Ausstellung?

MATTHIAS WAGNER K Die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ wird sehr gut besucht. Sie ist allerdings erst seit einem Monat im Museum Angewandte Kunst zu sehen, weswegen sich noch keine genauen Vergleichswerte zu anderen Ausstellungen ziehen lassen.

TL Gibt es bestimmte gesellschaftliche Gruppen die ein besonderes Interesse an der Ausstellung haben?

MW Zunächst sind es sehr modeinteressierte, junge Besucher, viele aus dem gesamten Bundesgebiet, was sich damit erklären lässt, dass wir die einzige Station dieser Ausstellung in Deutschland sind. An Wochenenden treffen wir in der Ausstellung sehr viele Familien an, die auf Nachfrage erzählen, dass sie das erste Mal ein Museum besuchen und sie dankbar dafür sind, dass hier etwas gezeigt wird, was mit ihrem Kulturkreis zu tun hat.

TL Die Sicherheitsvorkehrungen am Eingang wirken ein wenig provisorisch, gab es Vorfälle, welche die strengen Taschenkontrollen usw. bedingen?

MW Im Vorfeld der Ausstellung haben uns einige Briefe aus dem rechten Milleu erreicht, auf die wie hier im Detail nicht eingehen möchten. Sie zwingen uns zu diesen Sicherheitsvorkehrungen.

TL Warum polarisiert ausgerecht Mode so sehr? Sammlungen muslimischer Kunst gibt es in Deutschland ja einige…

MW Man ergeht sich zunehmend in Dichotomien, wie beispielsweise, und um im Thema zu bleiben, eine Frau mit Kopftuch / Hijab ist gleich eine unfreie, nicht selbstbestimmte Frau, statt dass differenziert diskutiert und die unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet werden. Besonders die Bekleidung der muslimischen Frau hat in den letzten Jahren für viele hitzige Debatten gesorgt. Der Dreh- und Angelpunkt der Debatte um muslimische Mode oder besser „Modes Fashion“ ist dabei die Frage, was Kleidung über ihre Trägerin aussagt. Und es ist ja tatsächlich so, dass viele Frauen über wenig oder gar keinen Freiraum bei der Wahl ihrer Kleidung verfügen. Doch ist es auch wahr, dass viele muslimische Frauen „Modest Fashion“ als Selbstermächtigung im Sinne individueller Entscheidungsfreiheit ansehen. Die überaus vielseitigen Entwürfe mit unterschiedlichsten, von Land zu Land sich unterscheidenden lokalen Einflüssen, wie sie in unserer Ausstellung gezeigt werden, sind daher auch eine an uns gerichtete Aufforderung, stärker das Individuum hinter der Mode zu sehen.

TL Gibt es einen Grund warum nur weibliche Mode gezeigt wird?

MW Der Markt für Frauen ist deutlich relevanter und größer, in jedem Kaufhaus geht man erst durch die Frauenabteilung. In einer globalen Welt, in der wir heute leben, spielt nun einmal die Entscheidungsfreiheit einer Frau im Hinblick darauf, wie sie sich kleiden und zeigen möchte, eine immer wichtigere Rolle. Ein Großteil der in der Ausstellung gezeigten Mode, wurde von sehr jungen Designerinnen entworfen. Auch Jil Sander und andere Designerinnen haben innerhalb ihrer Karriere erst spät damit angefangen, Männerkollektionen zu entwerfen.

 

Contemporary Muslim Fashions 5. April – 1. September 2019 im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT