BUNNY ROGERS

Eventuell alles Räume, die unsere Vorstellungskraft stark strapazieren, und eventuell alles Räume, die Bunny Rogers als Inspirationsquellen, Zufluchtsorte und philosophische Metaphern dienen.

Bunny Rogers ist sehr jung und sehr erfolgreich, 1990 in Houston geboren und schon mit einer Stelle als Gastprofessorin an der Städelschule in Frankfurt ausgestattet. Ihr Schwerpunkt liegt auf verdunkelter, mystischer, tiefsinniger Kunst. Sie malt, entwirft gewaltige Installationen, baut Skulpturen und entwickelt Performances zwischen Pop und Gesellschaftskritik. Ihre Antworten sind ein ständiges Zögern auf der Suche nach größtmöglicher Präzision. Nicht selten nimmt sie sich minutenlange Denkpausen, um dann nach Fragen ihrer guten Freundin und Kuratorin Lola Kramer über Eisberge, die Titanic und die TV Serie „Hannibal“ zu philosophieren.

 

LOLA KRAMER Ich würde gern mit dir über dein neues Projekt „Performa“ sprechen. Kannst du mir darüber etwas erzählen?

BUNNY ROGERS Die Idee dahinter war, dass ich gern eine lebendigere und ausführlichere Version einer Animation machen wollte, die ich 2017 für meine Präsentation „Brig Und Ladder“ im Whitney Museum gemacht habe. Die Animation heißt „A Very Special Holiday Performance in Columbine Auditorium“, und darin sind Figuren aus der kurzlebigen MTV Serie „Clone High“ zu sehen. Sie stehen quasi für Leute aus meinem Umfeld. Die Figuren in der Animation performen zwei Songs: den Titelsong des Animes „Marmalade Boy“ und das Lied „Memory“ aus dem Musical „Cats“, allerdings auf Russisch. Als meine Show „Brig Und Ladder“ auslief, wusste ich, dass ich eines Tages eine längere Version dieser Talentshow machen will, mit noch mehr Musicalnummern und Auftritten. Das ist also die Basis der Ausstellung, die Mitte November beginnt, sie ist aber nur ein Teil einer viel größeren Installation, die in der Lower East Side School zu sehen sein wird. Und die Talentshow wird im Auditorium der Schule stattfinden. In den Gängen der Schule werden wiederum Schauspieler zu sehen sein, als Zombies. Das Ganze ist eine Art Diorama eines keltischen „Thin Place“.

LK Kannst du mir erklären, was ein keltischer „Thin Place“ ist?

BR Ich glaube, ein „Thin Place“ ist ein Ort, an dem die Grenze zwischen der uns bekannten Realität und einer spirituellen Welt aufgelöst ist

LK Das erinnert mich an dein Interesse an dem Heaviside Layer aus dem Musical „Cats“, auch eine Form des Dazwischen.

BR Richtig, der Heaviside Layer ist definitiv eine Version eines anderen Himmels oder eines Lebens nach diesem Leben. Aber die Versprechungen des Musicals sind andere. In „Cats“ ist ja alles ein bisschen merkwürdig, da ist es also keine Überraschung, dass es auch eine Idee des Himmels oder des Jenseits gibt, die ebenso eigenwillig ist. Da gibt es Grizabella, eine gescheiterte Glamour Katze, der die Chance zur Erlösung geboten wird, als sich eine riesige weiße Hand langsam von der Bühnendecke senkt und ihr die Möglichkeit bietet, eine Treppe hoch, in ein unbekanntes Jenseits zu klettern, das nicht näher benannt wird. Ich meine, es wird zwar darüber gesungen, aber es ist seltsam, dass Grizabellas Geschichte, die sowieso schon total tragisch ist, auf den ersten Blick zwar ein Happy End hat, aber auf den zweiten Blick dann doch sehr traurig ist: Ihr war es einfach nicht möglich, mit den anderen Katzen auszukommen und ein normales Leben zu führen. Wir wissen nichts über ihre Vergangenheit, ihr soziales Umfeld oder wie sie behandelt wurde. Sie nimmt die Reise zum Heaviside Layer allein auf sich. Es wirkt, als wäre von Anfang bis Ende des Musicals die Einsamkeit ihre einzige Begleiterin. Man fragt sich: Ist es tatsächlich das, wonach sie strebt? Worüber singt sie wirklich in „Memory“, dem großen Hit des Musicals?

Study for Joan Portrait, 2016. Courtesy the artist and Société.

 

LK Ich finde es spannend, wie du Verbindungspunkte zwischen fiktionalen Figuren und auch Tieren findest. Ich denke da an deine Ausstellung „Pectus Excavatum“ im MMK in Frankfurt und den Riesentintenfisch, diese fremde Kreatur, die außerhalb des Meeres existiert und im Dunkeln leuchtet. Und ich denke auch an die Katze Grizabella, wie sie die Nachwelt betritt, und wie die du den Riesentintenfisch eingezäunt hast. Haben sie eine Intelligenz, von der wir nichts verstehen?

BR Ich habe definitiv die Tendenz, Tiere zu vermenschlichen. Ich glaube, das entstand aus einem Verlangen heraus, Tieren näher sein zu wollen. Ich bewundere sie, ich verstehe sie als intelligente Wesen, und wenn ich „intelligent“ sage, dann meine ich eine Sensibilität. Je sensibler du bist, desto intelligenter bist du, und das betrifft alle Tiere, den Menschen eingeschlossen. Wenn es eine Hierarchie gibt, dann sehe ich den Mensch nicht ansatzweise in der Nähe der Spitze. Die Achtsamkeit, die Tiere für ihre Umgebung haben, ist eine Rücksicht auf ihre Umwelt im perfekten Sinne – sie sind nahezu ein integraler Bestandteil von ihr. Der Riesentintenfisch im MMK in Frankfurt unterscheidet sich dabei aber ein bisschen von den Darstellungen, die ich früher von Tieren gemacht habe – er ist nicht mit Qualitäten durchdrungen, die ich als exklusiv menschlich beschreiben würde. Es handelt sich um eine majestätische Kreatur, und ich wollte damit meine Ehrfurcht vor Tintenfischen, Oktopoden und anderen Tieren dieser Kategorie zum Ausdruck bringen. Aber trotz meiner Absicht gab es in der Darstellung einen automatischen Übersetzungsfehler. Am Ende habe ich den Riesentintenfisch nur als ein großes Spielzeug hergestellt, das ich mit einem Zaun umzogen habe, der dem Zaun nachempfunden ist, der die Städelschule umzieht, an der ich damals unterrichtet habe. Es gab also viele unterschiedliche Absichten hinter dieser Installation. Gegenüber dem Riesentintenfisch ist übrigens ein gigantischer, von Menschenhand gemachter Eisberg platziert, der so aussehen soll wie der Eisberg, den die Titanic gerammt hat, obwohl ich glaube, dass die echte Titanic eigentlich Olympia hieß. Also heißt der Eisberg „Mount Olympia“.

LK Es handelt sich dabei um einen Eisberg, den man aus einer Art Titanic Kulisse kennt…

BR Richtig, die Inspiration zu dieser Form kommt aus einer recht morbiden Titanic Ausstellung, die ich als Kind in Texas gesehen habe. Dort gab es, ähnlich wie in meiner Ausstellung, diese Eismauer. Die Museumsbesucher waren dazu angehalten, sie zu berühren, innezuhalten, um zu verstehen, wie lange sie es schaffen würden, sich an das Eis zu klammern. Man nahm also die Position der Titanic Passagiere ein. Das hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Ich glaube, ich wollte den Eisberg nachbauen, weil ich ihn einerseits selbst wiedersehen wollte – nach all der Zeit, die mich von der Erinnerung trennt. Andererseits wollte ich meine Gefühle bündeln, die ich für Ozeane, Meere und die Tiefsee habe, meinen Respekt für das Wasser.

LK Ist die Idee des fremden Ozeans nicht auch ein Symbol für das Jenseits?

BR Ich denke, der Ozean ist das, was für die meisten Menschen der Idee eines Jenseits, anderer Welten oder Planeten, am nächsten kommt. Mehr als 85 Prozent der Ozeane sind unentdeckt. Das stimmt mich sehr optimistisch und unterstreicht meinen Glauben, dass nichts wirklich erklärbar ist. Informationen sind dynamisch, Erinnerungen sind nicht übertragbar, sie sind alles andere als Fakten. Ich fühlte mich schon immer zu Salzwasser und auch Süßwasser hingezogen. Es ist eine göttliche Kraft für mich, ein spiritueller Verbindungspunkt, der für die Erinnerung daran steht, dass da mehr ist als das, was ich sehen oder spüren kann, dass es potenzielle Wege zu anderen Welten, zu anderen Räumen oder einfach nur zu anderen Formen des Denkens gibt.

Self-Portrait as Clone of Jeanne d’Arc (Bella Joan), 2019. Courtesy the artist an Société.

 

 

LK Das erinnert mich an das Mantra, über das wir kürzlich gesprochen haben. Wenn man sagt, dass man nichts weiß, bedeutet es, dass man sein Nicht-Wissen anerkennt und dafür offen ist, etwas zu lernen. Man erkennt damit das gewaltige Feld der Möglichkeiten. Auch wenn es unbehaglich sein mag, es zu betreten, begibt man sich dennoch in das Feld hinein, umes zu erforschen.

BR Ich glaube, Täuschung, wenn man es so nennen will, ist ein wichtiges Konzept für mich. Als ich jung war, fühlte es sich für mich immer falsch an, mein Inneres nach außen zu tragen, zum Beispiel über meine Gefühle zu sprechen. Auf eine Art geht es meinem erwachsenen Ich noch immer so, nur denke ich inzwischen anders darüber. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass externalisierte Kommunikation ein inhärenter Selbstbetrug ist.

LK Was meinst du mit externalisierter Kommunikation?

BR Nun, es gibt den inneren Monolog. Es gibt spirituelle Kommunikation oder Telepathie. Und es gibt auch verbalisierte Dialoge, Kommunikation nach außen, physische Kommunikation, wenn wir uns berühren zum Beispiel, die Art, wie unser Körper sich im Raum bewegt. Nur gibt es dabei eine Barriere, die wir nicht entfernen können. Diese Barriere ist unser Körper, er ist die Grenze, welche die Kommunikation zwischen innen und außen trennt. Unsere Kommunikation ist nie akkurat, sie wird durch den Filter des Körpers fundamental verändert.

LK Meinst du damit die Erfahrung unseres Körpers, wie wir sie als Individuen machen, im Unterschied dazu, wie andere uns wahrnehmen? Oder geht es um die Konsequenzen unserer Handlungen?

BR Ich meine, ich bin an Konsequenzen interessiert, aber das meine ich jetzt noch nicht einmal. Ich spreche mehr in philosophischer Weise darüber, dass kommunikativer Ausdruck inhärent nicht akkurat ist, weshalb man ihn als potenziell trügerisch bezeichnen kann oder eben als Selbstbetrug. Deine Darstellung nach außen hin entspricht daher nicht deiner eigenen Wahrnehmung, deinem inneren Monolog, all den komplexen Prozessen, die in einem vorgehen. Dann sind da auch noch die ganzen externen Prozesse, welche deine Kommunikation ebenso beeinflussen.

LK Ich erinnere mich gerade an ein früheres Gespräch von uns, über die hypothetische Situation, dass das Leben nur ein Spiel ist, und die Vorzüge, die es bringen würde, wenn man sich dem Gedanken annähert, das Leben nur als Spiel zu betrachten. Woher kommt dieser Gedanke? Denkst du, es hat etwas damit zu tun, wie du aufgewachsen bist? Gibt es da eine Verbindung zum Internet und den Onlinespielen, die du gespielt hast?

BR Möglicherweise. Ich meine, ich schaue unglaublich viel fern, und offensichtlich habe ich auch viel online gespielt. Und früher war ich auch Teil der unterschiedlichsten Online-Communitys. In Film und Fernsehen haben wir es oft mit Figuren zu tun, die sehr mächtig sind, Puppenspieler, wenn man so will, in der Regel vollkommen befreit von den Aspekten, mit denen man sich als echte Person herumschlagen muss – zum Beispiel emotionale Bindungen, feste Beziehungen oder aber auch lose Beziehungen. Doch heute, so wie das Internet funktioniert, sind die Leute mehr daran interessiert, online ihre eigene Karikatur zu schaffen. Wir haben alle das Verlangen nach der Kontrolle über unser Leben, unser Schicksal.

 

 

Das ganze Interview ist in unserer Holiday 2019 Issue zu finden, die in unserem Shop auch als digitaler Download erhältlich ist.

 

Foto FILIP OLSZEWSKI
Interview LOLA KRAMER