BOSS X GRCIC

Konstantin Grcic ist eine Industriedesign-Ikone, das kann man guten Gewissens schreiben. Die legendären Entwürfe des 54-jährigen, hauptsächlich Tische und Stühle, gelten als Klassiker und werden jetzt schon von den wichtigsten Museen dieser Welt ausgestellt.
Das hat auch HUGO BOSS erkannt, zusammen mit dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein, sponserte das süddeutsche Modeunternehmen im Jahr 2014 die bisher größte Einzelausstellung des Designers: „Konstantin Grcic– Panorama“. Das war offensichtlich so inspirierend, dass man wieder zusammenfand, dieses Mal um etwas Neues zu erschaffen.
Für die BOSS Herbst/Winter 2019 Linie, entwarf Grcic exklusiv drei T-Shirt-Prints, welche sich grafisch, minimalistisch mit Urbanismus auseinandersetzten. Wer genau hinsieht, erkennt fast schon karikative Interpretationen der Metropolen Mailand, New York und Shanghai. Damit ist die Thematik klar, es geht ums Reisen: Und weil sich der BOSS-Mann stilvoll durch die Weltgeschichte bewegt, bietet ihm Grcic zusätzlich eine technisch-raffinierte, multifunktions-Jacke bzw. Mantel an. Beides im klassischen BOSS-Anzugs-schwarz, sportlich geschnitten und scheinbar, da zeigt sich die Raffinesse, sowohl zum Wandern als auch für das Business-Meeting geeignet.

Wir haben Grcic am Rande des inoffiziellen Launchs, vor gut einem halben Jahr, in seinem Berliner Studio getroffen, um einen Eindruck von der Zusammenarbeit mit BOSS zu bekommen und uns grundlegendes über Design und Ästhetik erklären lassen.

 

TOBIAS LANGLEY HUNT Man kann ohne Zweifel behaupten, dass Konstatin Grcic zu den wichtigsten, zeitgenössischen Designern gehört. Ist das ein Titel, der in irgendeiner Form Verantwortung mit sich bringt?

KONSTANTIN GRCIC Ich glaube, es wäre falsch, wenn ich das mit Nein beantworten würde, aber ich würde es nicht Verantwortung nennen. Es ist jedenfalls nicht so, dass diese Verantwortung ständig im Bewusstsein mitschwingt. Ich fülle aber eine Rolle aus, an die gewisse Erwartungen geknüpft werden. Dabei geht es mir nicht darum Erwartungen zu erfüllen, eher diese zu bestätigen. Das bedeutet, dass ich bei Projekten, die an mich herangetragen werden, extra gut sein muss, um ihnen gerecht zu werden.

TLH War das am Anfang der Kariere anders? Gab es da weniger Druck?

KG Ich empfinde diese Rolle nicht als Bürde, Druck oder Schwierigkeit, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich davon profitiere. Das führt mich an bestimmte Projekte heran, die ich früher, mit weniger Bekanntheit, nicht bekommen hätte. Dabei darf ich dieses Privileg nicht ausnutzen, ich darf nicht denken, nur weil ich jetzt auf einem bestimmten Level bin, fliegen mir diese Projekte einfach so zu und ich setzte sie dann irgendwie um. Das habe ich eben versucht zu erklären, es fordert mich heraus diesen Anspruch immer wieder zu bestätigen.

TLH Eine Frage für den Laien: was ist eigentlich der Unterschied zwischen Industrie- und Produktdesign?

KG Ich weiß nicht, ob man so unterscheiden kann. Als Produktdesign würde ich Dinge wie beispielsweise eine Kaffeemaschine nennen, aber natürlich ist eine Kaffeemaschine auch Industriedesign. Interessanterweise würde ich zu Möbeldesign nicht Produktdesign sagen, ich finde, dass Möbel schlicht Möbel und keine Produkte sind, aber das ist Deutungssache.

TLH Demnach zählt man Möbeldesign dann zu Industriedesign?

KG Ja, dem könnte man das zuordnen, aber die Kaffeemaschine ja auch. Industriedesign sagt eigentlich nur etwas darüber aus, dass es sich nicht um ein Einzelstück oder etwas handwerklich Gefertigtes handelt, sondern um eine industriell hergestellte Serie. Der Begriff Produktdesign definiert in meinem Verständnis eher eine Art Maßstab. Es handelt sich um technische Dinge, so wie eine Kaffeemaschine oder ein Staubsauger. Das sind alles Produkt und Möbel sind Möbel (lacht). Wenn aber jemand ein Möbelstück ein Produkt nennen will, ist mir das auch egal.

TLH Und wo bzw. wie ordnet man da Mode ein?

KG Mode würde ich erst einmal nicht der Industrie zuordnen, dabei steht hinter der Mode natürlich eine riesige Industrie. So auch im Falle BOSS Hugo Boss, natürlich handelt es sich hier um Industrie, aber spannend daran ist, dass sie es schaffen, etwas sehr Handwerkliches industriell herstellen zu können. Das ist ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Im Grunde ist Mode erst einmal eine Disziplin, die man viel mehr mit Kreativität, mit einem Ausdruck von Zeitgeist oder Freiheit assoziiert. Wenn man an Mode denkt, denkt man nicht automatisch an die Maschine, die sie herstellt.

TLH Ich würde spontan behaupten, dass das bei Möbeln ähnlich ist.

KG Mag schon sein.

TLH Nun ist ja heutzutage so, dass in der Rezeption, also in der Wissenschaft oder in Museen usw., die Grenzen der Disziplinen aufgelöst werden, ob Produkt-, Industrie-, oder Modedesign alles ist Teil der Kunst, würden Sie dem zustimmen?

KG Ich finde, Kunst ist Kunst. Gutes Design oder gute Mode kann man zur Kunst erheben, ist aber primär keine Kunst. Die Mode, also das Kleidungsstück, hat erst einmal etwas mit einer Funktion zu tun, während sich die gute Kunst von Funktionen völlig lösen sollte. Aber natürlich kann Design, also Mode oder Möbel usw. zur Kunst erklärt werden und das würde ich dann auch ernstnehmen. Der Schaffensprozess gibt dabei eine klare Trennung vor, der Designer ist kein Künstler, er arbeitet nicht als Künstler, sondern als Designer und der Künstler muss Künstler sein, um Kunst zu machen. Wie gesagt, ich glaube gutes Design kann Kunst werden, aber nicht mit dem Anspruch während des Entstehungsprozesses zu sagen: „ich mache jetzt eine Kaffeemaschine, die dann Kunst ist“.

TLH Der Mode würde ich dann allerdings unterstellen, dass sie oft den Anspruch erhebt mehr als „nur“ Kleidung zu sein, während der Stuhl damit zufrieden ist, ein Möbelstück zu sein.

KG Ich würde aber auch sagen, dass gutes Design immer mehr ist als nur die Funktion, die es erfüllen soll. Klar, man kann auf einem Stuhl sitzen, oder die Mode hält einen warm und trocken, aber sowohl der Stuhl, als auch die Mode sind Ausdruck von dem, was sie ausdrücken möchten. Sie machen mich sogar zu jemandem, der ich gar nicht bin oder sind eine Kapsel für Zeitgeist und viele weitere Eigenschaften. Es gibt eine Kategorie von Produkten, die nennt man „Problemlöser“, sie sind funktional aber gehen darüber nicht hinaus. Ein Wäscheständer ist so ein Ding, den muss man haben, aber eigentlich, und das ist auch das Problem mit diesen Dingern, stellen sie über ihren rein praktischen Nutzen nichts dar. Alle Versuche einen Wäscheständer schöner oder als Designobjekt zu gestalten, sind meiner Meinung nach gescheitert, weil ein Wäscheständer nicht mehr sein muss, als einfach nur ein Wäscheständer. Wohingegen ein Stuhl oder ein Tisch auch andere Dimensionen haben kann.

TLH Eine weitere Design-Dimension eines Stuhls oder eines Tischs ist ihre Langlebigkeit, ihre Zeitlosigkeit. Die Mode hingegen, und das sagt schon ihr Name, verfolgt Moden oder einen gewissen Trend. Es wird saisonal Mode mit einem Vergänglichkeitsanspruch entworfen, ist das nicht rückständig?

KG Durchaus, gerade heutzutage denkt man berechtigterweise vermehrt darüber nach. Ich würde auch sagen, dass sich in meinem Kleiderschrank eher Dinge befinden, die nicht so sehr Zeitgeist oder Mode sind, ich trage sie sommers wie winters, über Jahre. Trotzdem würde ich das eine nicht gegen das andere ausspielen. Ich glaube, die Mode darf beides sein. Heutzutage darf sie sagen, dass im Grunde alles falsch läuft, dass sie raus will aus dem Saisonkreislauf, dass sie langsamer, haltbarer und objektiver sein will und es gibt ja auch Firmen, die das sehr gut umsetzten. Gleichzeitig finde ich aber auch, dass sich Mode ihr Privileg erhalten darf, nämlich Zeitgeist, schnelllebig, spontan, kreativ, fantasievoll, experimentell und radikal zu sein – dafür brauchen wir die Mode, so wie die Musik, oder die bildende Kunst. Trotz des absolut vernünftigen, berechtigten und rationalen Arguments, dass alles nachhaltig werden muss, finde ich es das an dieser Stelle falsch angewendet.

TLH Ihre Designs für BOSS wirken trotzdem eher klassisch und zeitlos, oder habe ich da etwas falsch verstanden?

KG Das ist schon richtig, aber auch, weil ich das gar nicht kann. Ich bin nicht in die Rolle des Modedesigners geschlüpft, sondern ich bin der Industriedesigner, der sich mit seinem Blick und einer gewissen Erfahrung aus einer anderen Disziplin, in diesen Prozess mit eingeklinkt- und da Dinge bearbeitet hat. Es ging nicht darum, dass ich, von außen kommend, ein großes, ikonisches, modisches Statement machen will, es wäre auch überheblich zu denken, dass ich das könnte.

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT