ART BASEL 2019

Man kommt nicht daran vorbei über die Art Basel, die wichtigste Veranstaltung des internationalen Kunsthandels, zu schreiben. Bei 290 Ausstellern aus 34 Ländern, zahlreichen Nebenveranstaltungen und unzähligen Partys ist eine angemessene Zusammenfassung der wichtigsten Positionen allerdings nahezu unmöglich. Ein Besuch lohnt sich aber immer, auch gerade weil diese Reizüberflutung die Rezeption der Kunst auf eine desillusionierende Weise erdet. Hier geht es nicht um Gefühle oder um Kompositions- und Inspirationsgeschwafel, das ist kein Museumsbesuch bei dem man Ruhe und Zeit hat die Kunst zu genießen – nein, hier geht es einfach nur ums große Geschäft – und, so viel Zeit muss sein, um viel (Selbst)feierei. Dies zu beobachten kann auf unterschiedliche Weise Spaß machen, man muss nur eine Entscheidung treffen wie man sich der Sache nähern will: Will man nur schauen, vielleicht ein Gefühl dafür bekommen was die kreativen Prognosen der ausstellenden Galerien sind? Will man sich  kritisch mit dem Kunstmarkt auseinandersetzten? Will man die künstlerische High Society bei der Arbeit beobachten? Will man selbst ein bisschen Elite spielten und ganz viel Champagner trinken? Oder will man sich treiben lassen und vielleicht doch ein bisschen Träumen? Immerhin die Werke der größten Künstler unserer Zeit hängen und stehen hier dicht an dicht.

credit: Art Basel

Schon zum 49. Mal eröffnet die Art Basel ihre Tore unter dem beindruckenden Dach, mit der gigantischen Öffnung zum Himmel, des Herzog & de Meuront Gebäudes am Bansler Messeplatz. 1968 entstand die Idee in den Köpfen der lokalen Kunsthändler und Galeristen Ernst Beyeler, Balz Hilt und Trudi Bruckner. Nur zwei Jahre später folgte dann die Umsetzung mit 90 Galerien aus zehn Ländern. Weitere fünf Jahre später mauserte sich die, von der New York Times betitelte, „Olympiade der Kunst“ zu heutiger Größe mit nahezu 300 ausstellenden Galerien. 2002 dann die erste Expansion nach Übersee mit der Art Basel Miami und seit 2013, an Asien kommt man nicht mehr vorbei, das gleiche in Hongkong.  Ein ganz großes Erfolgskonzept, für viele Weltenbürger ist „Basel“ eher ein Synonym für den Kunstmarkt, als der Name einer mittelgroßen Schweizer Stadt. Das Konzept hat sich dabei in fast 50 Jahren kaum verändert, ein internationales Komitee und viel Geld entscheiden darüber wer mitmachen darf und internationale Sammler und viel Geld folgen, wenn man sie ruft.

Nach fast 50 Jahren stellt sich allerdings nicht wenigen die Frage, wie lange das noch so weiter geht: der Messeveranstalter, die MCH Group, hatte schon bessere Zeiten, um genau zu sein ist die Art Basel ihr letztes, alles finanzierendes Zugpferd, nachdem zuletzt die Baselworld, die Messe für Luxusuhren und Schmuck, eher mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam machte. Die Besucherzahlen sinken drastisch und große Konzerne springen ab, im Jahr 2019 fehlten beispielsweise die „Swatch Group“ oder „Corum“, ein herber Schlag – einen weiteren wird  die Baselworld nicht überleben.

Auch wenn schon am Preview-Tag der diesjährigen Art Basel rund 40 Millionen Dollar erwirtschaftet worden sein sollen, (Spitzenreiter war Gerhard Richters „Versammlung“ (1966) bei der New Yorker Galerie David Zwirner, welche für 20 Millionen Dollar über die Theke ging) die Zukunft ist ein großes Fragezeichen. Muss ein Sammler noch vor Ort sein, um Kaufentscheidungen zu fällen? – Die Digitalisierung ermöglich auch beim Kauf von Kunst stress- und kostensparendere Möglichkeiten sein Geld zu investieren. Wie attraktiv ist es für kleine- bis mittelgroße Galerien Unsummen auszugeben, wenn nur die Großen ihre Superstars verkaufen? Verkommen Veranstaltungen dieser Art nicht eh schon seit einer Weile zu „sehen und gesehen werden Events“, welche auf das ursprüngliche, kaufkräftige Klientel mehr abschreckend als einladend wirkt?

Dass die Art Basel kleinere Messen wie jüngst die Art Düsseldorf verkauft und sich nur noch auf das „Premium-Geschäft“ konzentrieren will, wirkt wie ein Zugeständnis und ist aber langfristig wahrscheinlich sogar die gesündere Lösung, Erkenntnis wird erst die Zukunft bringen bzw. die Gewinne der prominenten Aussteller und der gute Wille der Sammler.

Ugo Rondinone “The Sun” – credits: Art Basel

Zurück zur Kunst und weg vom Trubel: im selben Gebäude gibt es einen Ort in dem sich die aufgeregten Besuchermassen (2018 waren es rund 95 000, 2019 wird es ähnlich sein) ein wenig beruhigen können. In einer 17 000 Quadratmeter großen Halle wird seit dem Jahr 2000 der Sektor „Art Unlimited“ ausgetragen, hier sind all jene Werke ausgestellt, die aufgrund ihrer Dimensionen die Rahmen der doch recht engen Messestände sprengen würden. Konkret bedeutet das: großformatige Video-Projektionen, Live-Performances, kolossale Installationen und Skulpturen, Environments und überdimensionale Malereien. Oft ein bisschen protzig, Instagram tauglich allemal, aber eben auch ziemlich beeindruckend. Und weil es nicht unbedingt ums Verkaufen geht, lassen sich hier auch immer wieder Qualitäten abseits des Kommerz entdecken. Besonders in diesem Jahr, zum achten und zum letzten Mal kuratitert von Gianni Jetzer, überzeugt die Art Unlimited mit einer ungewöhnlich ausgeprägten Politisierung, was, und darüber sind sich Experten und Fachpublikum einig, ein selten hohes Niveau in die Ausstellung bringt.

Nicht sehr subtil aber dafür umso deutlicher ist „The Sun“, die Skulptur des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone, vertreten durch die Gladstone Gallery und Eva Presenhuber. Ein haushoher, goldener Dornenkranz repräsentiert die Schönheit der immer aggressiver scheinenden Sonne, bzw. ihre Korona. Eine religiös konnotiertere aber unmissverständliche Warnung vor einer nahenden Klimakatastrophe.

Treffend kuratiert besteht die Wand hinter „The Sun“ aus der rund 20 Meter langen Fassade einer nachgebauten Wellblechhütte. Nur eine Aussparung in Form einer Tür, durchbricht den tristen Anblick. In dieser Tür sitzt der 77-jährige Raúl Portillo Samá, ein kubanischer Eierverkäufer welchen der New Yorker Performance-Künstler Sislej Xhafa extra einfliegen ließ. Das Ensemble der dornigen Sonne über der Hütte des alten Manns wird abgerundet, durch eine alles beobachtende metallische Skulptur. Unschwer zu erkennen ist die Referenz der kubanisch-amerikanischen Künstlerin Coco Fusco, es handelt sich um den Blechmann, die herzlose Figur aus der „Geschichte „Der Zauberer von Oz“. Wer den Titel „Tin Man of the Twenty-First Century“ nicht sofort verstehen sollte, dem wird beim zweiten Blick deutlich wer hier gemeint ist: das „menschliche“ Gesicht zeigt deutlich die Züge des Klimawandel-leugnenden amerikanischen Präsidenten, welcher erst Anfang diesen Jahres die Kuba-Öffnung seines Vorgängers zunichte machte.

Nicht nur, aber auch wegen dieser kolossalen dreier Konstellation, wird einem dann doch wieder deutlich, dass es bei Kunst eben nicht nur ums Geld geht, auch wenn, insbesondere die Art Basel, diese Qualitäten nicht primär zu würdigen weiß.

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT