ALEX ISRAEL

Seine Stimmung ist L.A., seine Lieblingsfarbe Himmelblaupink, seine Arbeiten könnte man als Post-Pop-Art bezeichnen. Alex Israel ist ein Künstler, der vor keinem Format zurückschreckt. Ob Instagram, Youtube-Talkshows, Museen, Sonnenbrillen oder unserem Interview-Logo – Israel ist zu allem bereit

Die Ästhetik der 10er-Jahre ist von Nostalgie geprägt. Sie findet Ausdruck in Filtern, die man über alles legt, was der Realität zu nahe kommt. Ein gewisser Retro- Look scheint von besseren Zeiten zu erzählen, alle nur erdenklichen Weichzeichner und Kindchenschema-Masken transformieren den inzwischen erwachsenen Millennial zum sommersprossigen, pausbäckigen Kind mit Hasenohren oder Heiligenschein. Grund dafür könnte Instagram sein, die Heimat der Influencer und Ursprung aller Bildbearbeitungsapps, die Frage, was zuerst da war, das Bedürfnis nach einer verklärten Vergangenheit oder das beliebte Social- Eigenwerbung-Portal, ist die Frage nach der Henne und dem Ei. Aber fast zehn Jahre später (Instagram ging 2010 online) ist es Zeit zu resümieren. Inzwischen hat die Mode alle Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts zitiert und sogar die Nullerjahre des neuen Jahrhunderts schon durch. Wie geht es weiter? Wohin entwickeln wir uns? Gibt es einen Post-Digitalisierungs-Post? Alex Israel ist der Künstler, dem man eine Antwort zutrauen könnte. Sein Œuvre ist eine in sky blue pink schillernde Welt, die einerseits von Hollywood (ziemlich retro), andererseits von Instagram (irgendwie modern) zu erzählen scheint. Schamlos changiert er zwischen Pop, Kommerz und hoher Kunst und wird von der mächtigen Gagosian Gallery vertreten. Seine Werke hängen im MoMA und Centre Pompidou, und er hat auf Youtube die Talkshow „As It Lays“, in der Stars wie Tom Hanks, Jamie Lee Curtis oder Paris Hilton zu Gast sind. Betrachtet man seine Kunst, meint man eine Mischung aus Meeresrauschen und dem Geräusch knipsender Kameras zu hören, während über allem das warme Licht der untergehenden Sonne von Venice Beach funkelt.

TOBIAS LANGLEY HUNT Herr Israel, Sie scheinen Interviews zu mögen. Worin liegt für Sie das Potenzial dieses journalistischen Formats?

ALEX ISRAEL Ich finde, dass TV-Interviews ein tolles Formatsind, um Leute zu porträtieren.

TLH Dabei stellen Sie Fragen, die in keinem offensichtlichen Kontext zu den Gästen zu stehen scheinen, und Sie reagieren auch nicht auf Antworten.

AI Wenn ich bei „As It Lays“ darauf verzichte, meinen Interview-Partnern die typischen PR-Fragen zu stellen oder nachzuhaken und überhaupt in irgendeiner Weise auf das Gesagte zu reagieren, dann passiert etwas – eine Art Störung des normalen Rhythmus. Diese Störung erlaubt jedem meiner Interviewpartner etwas Authentischeres von sich zu offenbaren. Und genau das ist das Ziel dieses Projekts, die Abbildung von etwas, das der Authentizität eines jeden Interviewpartners besonders nahekommt.

TLH Wäre Alex Israel ein potenzieller Gast für die Show?

AI Ich wäre wahrscheinlich zu schüchtern.

TLH Wie entscheiden Sie, mit welcher Frage Sie einsteigen?

AI Das überlasse ich dem Zufall.

TLH Die Show wirkt aber wirklich nicht so, als gäbe es kein Skript oder keine festgelegte Reihenfolge.

AI Es gibt keine Reihenfolge, aber es gibt Regeln: Ich frage nur Fragen, welche jeder beantworten könnte. Und ich frage niemals zweimal dieselbe Frage, mit der Ausnahme der letztenFrage, die immer dieselbe ist: „Was wollen Sie, was die Welt über Sie weiß?“

TLH Gab es mal die Situation, dass ein Interviewpartner das„Spiel“ nicht verstand oder verärgert auf Ihre Art des Fragens reagierte?

AI Ich erkläre vorher immer, dass ich nicht nachhake und nicht reagiere. Der Grund ist, dass es wirklich nicht um mich gehen soll, ich bin nur da, um die Fragen zu stellen. Ich versuche, so gut es geht, Teil des Sets zu werden.

TLH Aber nichtsdestotrotz sind Sie es, der die Fragen stellt. Es würde wohl einen Unterschied machen, wenn jemand anderes dort säße.

AI Ja, das bin ich, aber die zurückgenommenste Form meiner selbst. Ich bin nur Requisite. Das ganze Projekt dreht sich um die Idee, das Format der CelebritY-Talkshow zu nutzen, um ein Porträt zu schaffen – und weil ich der Künstler bin, muss ich auch den Gastgeber spielen. Aber weil ich will, dass es allein um den Gast geht, versuche ich mich so unsichtbar wie möglich darzustellen. Ich finde, dass ich immer gleich aussehe, und jemehr Videos man von der Show sieht, desto mehr werde ich Teil des Hintergrunds oder verschwinde sogar ganz.

TLH Könnte man Ihre Kunst als Post-Pop-Art bezeichnen?

AI Sie können meine Kunst bezeichnen, wie Sie wollen.

TLH Wie würden Sie sie bezeichnen?

AI Ich würde sie austauschbar als „meine Arbeit“, „meine Praxis“ oder „meine Marke“ bezeichnen.

TLH Ist Ihre Kunst politisch?

AI Kunst ist abhängig von kreativer Freiheit. Freiheit ist politisch.

TLH Und was bedeutet Freiheit für Sie?

AI Freiheit bedeutet alles für mich.

Das ganze Interview ist in unserer FALL WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

Louis Vuitton x Alex Israel Artycapucine, 2019 Photo Paul Wetherell

Rimowa x Alex Israel, 2019 Photo RIMOWA

Self-Portrait (Rear-view Mirror), 2018 Acrylic and bondo on fiberglass 96x84x4 inches
Photo Jason Mandella

Self-Portrait (Pelican with Fish), 2019
Acrylic and bondo on fiberglass with Snapchat augmented reality Lens

 

Alex Israel stellt bis Februar 2020 in “Feel the Sun in your Mouth” im Hishhorn Museum and Sculpture Garden, Washington. DC aus

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT