Chilly Gonzales

&

Malakoff Kowalski

In Köln, nach einem Abendessen im Hotel Excelsior, kam es neulich zu einem veritablen Künstlergespräch zwischen Malakoff Kowalski und Chilly Gonzales. Der eine, Gonzales, hat vor 14 Jahren mit seinem Album “Solo Piano” einen Klassiker des 21. Jahrhunderts aufgenommen. Seine angenehm temperierten Kompositionen, die gern mit denen Erik Saties verglichen werden, tauchen auf jeder zweiten Playlist auf. Seine aktuelle Konzerttournee ist bis ins Frühjahr 2019 weitgehend ausverkauft. Kowalski wiederum, ursprünglich mit Liedern zur Gitarre bekannt, hat in diesem Frühjahr sein erstes Album mit Klaviermusik veröffentlicht: „My First Piano“ ist, wie der Titel es andeutet, ein Liebesbrief an die hölzerne Muschel mit schwarz-weiß gestreiftem Saum, die ihm als Kind die ganze Welt der Musik eröffnet hat.

CHILLY GONZALES Du hast mir da eben ein paar neue Stücke auf dem Klavier vorgespielt, die waren großartig. Ich bin mir sicher, dass von dir nach „My First Piano“ noch einiges zu erwarten sein wird an Klaviermusik.

MALAKOFF KOWALSKI Das freut mich, dass du das sagst, weil, ich will am Wochenende neue Stücke aufnehmen. Daraus soll ein Album entstehen. Darf man eigentlich den Titel vorher schon aussprechen?

CG Jetzt noch nicht. Das wäre zu früh. Aber sage mir: Wie war das für dich, deine Stücke auf meinem Klavier zu spielen? Mir macht das ja regelmäßig die Augen weit, mir spitzt es die Ohren, auf einem Instrument zu spielen, das mir noch nicht vertraut ist. Wie kann das sein, dass ich dann anders fühle, bloß weil ich mein Stück auf einem anderen Klavier spiele? Ich war in der Manufaktur bei Steinway, da hatten die einen Saal, in dem standen 18 Flügel. Ich habe auf jedem dieselbe Tonfolge gespielt – zwei Takte vielleicht – 18 mal hintereinander, im gleichen Rhythmus, mit unverändertem Anschlag, um mir die subtilen Unterschiede zu Gemüte zu führen.

MK Ich kenne dein Klavier ja vom Hören deiner Schallplatten. Das Material für dein neues Album „Solo Piano III“ haben wir uns sehr oft angehört.

CG Du warst mein Berater bei diesem Album. Du bist exakt zum richtigen Zeitpunkt dazugestoßen und hast die richtigen Fragen gestellt. Da war ich selbst schon tief im Prozess und hätte ansonsten vielleicht nicht all meine Möglichkeiten ausschöpfen können.

MK Ich habe es geliebt, dabei zu sein, während du aufnimmst. Zuhören zu dürfen, und dass mir jemand zuhört: du. Meine Detailverliebtheit grenzt an Autismus.

CG Üblicherweise hört man eine Platte von anderen Leuten, die schon veröffentlicht ist, und stört sich dann an Kleinigkeiten, ohne noch Einfluss nehmen zu können.

MK Wenn ich, sagen wir, die „Appassionata“ in der Einspielung von Maurizio Pollini höre, stört mich immer wieder ein kurzes Staccato, das er spielt. Dann spüre ich den Drang, ihn anzurufen und ihm zu sagen: „Bitte spiele das legato.“

CG Würde er freilich niemals tun. Obwohl, schreib ihm doch einfach mal an mauriziopollini@gmail.com.

MK Also, ich kenne dein Klavier in- und auswendig. Es ist eine Art Fetisch für mich. Ein Star unter den Klavieren. Ich kannte ja deine Musik schon lange, bevor ich dich kennengelernt habe.

CG Und dann kamst du hierher und hast es an seinem Klang wiedererkannt.

MK Erinnerst du dich, als ich eben gerade die ersten Akkorde spielte und fragte: „Was ist mit diesem Klavier los?“ Es spricht zu mir. Auf eine ganz eigene Weise, die es unter allen anderen Klavieren besonders macht für mich. Du sprichst doch gern von den räumlichen Klängen deines Bechstein.

CG Und es ist eben kein Flügel. Die meisten Klaviere klingen nicht so wie meines. Nicht einmal wenn es sehr gute sind. Das wird sozusagen nicht von ihnen verlangt.

MK Genau. Du verlangst es von deinem aber schon. Als ich zum ersten Mal darauf spielen durfte, war es übel verstimmt, weil du damit umgezogen warst. Heute war es perfekt gestimmt, was soll ich sagen – es kann singen! Und in den Bässen: stabil wie ein Flügel.

CG Als ob es dich mit seinen Händen umfängt. Mit einer bestärkenden Geste.

SEIN ECHTER VORNAME BEDEUTET IM PERSISCHEN “STILLE”, SEINE MUTTER FINDET ES SELTSAM, IHN KOWALSKI ZU NENNEN, MACHT ES ABER GANZ GERN.

MK Eine feste Burg. Jedes Klavier ist wie eine Person, mit der man sich zu unterhalten versucht: Mit einigen versteht man sich instinktiv, mit anderen langweilt man sich, manche sind einfach okay, aber mehr auch nicht. Und es gibt welche, die einen in den Wahnsinn treiben können.

CG Wenn Klaviere wie Menschen sind, was wäre dann ein Saxofon?

MK Etwas Tierhaftes.

CG Ich würde sagen, dass Instrumente wie Menschen sind. Mit manchen versucht man es gar nicht erst. Da weiß ich vom ersten Moment an, dass ich mit denen keine drei Stunden lang Bahn fahren will.

MK Manchmal kauft man eine Gitarre, und spielt sie dann zu Hause nie wieder.

CG Genau. Nun haben wir uns aber entschlossen, das Klavier zu lieben. Wir haben uns entschlossen, unser Leben dem Klavier zu widmen. Also lassen sich Klaviere nicht mit den Menschen vergleichen.

MK Moment – ich liebe Menschen! Aber nicht jeden einzelnen.

CG Jawohl. Aber metaphorisch wiederum glaube ich, dass Klaviere per se als meine Gemeinde zu betrachten sind. Ich spreche da also von einer Suche nach Verwandtschaft – dem Ursprung der Philosophie.

MK Du bist also nicht der Ansicht, dass es ein Klavier geben könnte, dass sich deiner Hingabe widersetzt?

CG So ziemlich, ja.

MK Gewagte These, mein Freund!

CG Ich nehme an, dass es mir doch stets gelingen wird, die Fühlung aufzunehmen. Zu jedem erdenklichen Klavier. Extrem negative Gefühle werden sich da nicht vermeiden lassen, aber dass ich mich mit ihm langweile oder mich gar von ihm abgestoßen fühlen könnte, kann ich mir nicht vorstellen. Gut möglich, dass ich es hasste. Sehr gut sogar. Ich würde es als Tritt benutzen. Auch geschlagen würde es von mir. Regelrecht verdroschen.

MK Da hebst du meine kleine Theorie in eine andere Sphäre! Und ich muss zugeben: Somit hast du recht.

CG Selbstredend.

ICH ZIEHE SCHÖNES DEM HÜBSCHEN VOR. HÄSSLICHES KANN SCHÖN SEIN. DER TOD KANN SCHÖN SEIN. SEX KANN SCHÖN SEIN.
Chilly Gonzales

MK Solange wir noch von akustischen Instrumenten sprechen – ob Flügel, ob Klavier: Irgendetwas wird man damit anfangen können.

CG Es wäre auch nicht fair zu behaupten, alle Banker sind langweilige Menschen, weil sie sich mit langweiligen Dingen beschäftigen müssen. Das entspräche einer willentlichen Reduktion der Komplexität. Wie wenn jemand behauptet: „Ich mag keine Trompeten.“ Ich mag keine Trompeten, aber es wird Ausnahmetrompeten geben. Miles Davis war ein Musiker, der zufällig auf Trompeten spielte. Cat Anderson aus Duke Ellingtons Band genauso. Sein Schaffen bleibt unverzichtbar, kein Zweifel. Aber Klaviere, als Gemeinde gesehen, sind auserwählt. Unseresgleichen. Es kommt einzig darauf an, wie du es anstellst, mit ihnen Fühlung aufzunehmen.

MK Wahrscheinlich. Dir kann ich es ja sagen: Mit deinem Klavier würde ich sofort schlafen. Das war eine klare Sache heute zwischen uns beiden. Dabei fiel mir auch ein, dass ich vor etwa zwei Jahren hier bei dir war …

CG Damals warst du noch weit davon entfernt, die neuen Stücke aufzunehmen. Das war 2016, im Februar.

MK Da hatte ich „My First Piano“ noch nicht einmal fertig geschrieben.

CG Demos gab es schon. Und ich erinnere mich, dass du mein Klavier ignoriert hast.

MK Weil ich damals noch nicht darauf gespielt hatte. Ich hatte mich nicht getraut! Ich war zu schüchtern, um es anzufassen. Ich liebte den Klang deines Klaviers. Ich liebte die Musik, die du damit machst. Gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob meine Kompositionen Bestand haben würden. Ich hatte lange nicht gespielt. Ich weiß nicht mehr aus welchem Grund, es war einfach so. Dein Klavier war wie ein hübsches Mädchen auf dem Abi-Ball, und wie ein Junge dachte ich: „Die wird niemals mit mir sprechen.“ Ich schlug ein paar Akkorde an, und du sagtest: „Ah, das ist schön.“ Aber ich habe nicht wirklich gespielt.

CG Die Demos hast du mir dann später geschickt.

MK Und die haben dir gefallen. So fing das alles an. Wie ist das bei dir: Wenn du ein Stück fertig geschrieben hast – und dir ist das schon ein paar Mal gelungen –, zweifelst du manchmal, ob du jemals wieder so etwas schreiben könntest?

CG Nicht in dem Moment, wenn ich fertig bin mit dem Schreiben. Wenn ich solch ein Gefühl bekomme, dann erst Jahre danach.

MK Jahre!

CG Das hat mit meiner eigenen Veränderung zu tun. Ich sehe dann, dass die zurückliegende Schaffensperiode von einer größeren Dringlichkeit geprägt war. Von höher gesteckten Zielen. Ich hoffe ja stets, zu einer Intensität zurückfinden zu dürfen. Das ist existenziell.

GLENN GOULD BEISPIELSWEISE HATTE STETS KALTE HÄNDE, DIE ER ÜBERBRÜHEN MUSSTE, UM SPIELEN ZU KÖNNEN. GONZALES TRÄGT GERN MORGENROCK.

MK Gibt es ein Stück auf „Solo Piano“, von dem du fürchtest, dass du zu dieser Intensität, in der du es damals geschrieben hast, nicht mehr zurückfinden kannst?

CG Zur Intensität einerseits, aber eben auch zu diesem Grad der Vereinfachung nicht mehr. Klar. „Solo Piano III“ gehört jetzt nicht mehr zum Genre des geradlinigen Pop-Klavier-Albums, das ich mit Nummer eins begründet habe. Dahin habe ich mich führen lassen. Ich habe keine abstrakte Idee davon, was ich zu tun habe. Dafür musste ich reichlich Lehrgeld zahlen. Wenn ich an die Melodie von „Oregano“ denke, dann nehme ich an, dass Mozart sich ähnlich gefühlt hat, wenn ihm etwas eingefallen ist. Ganz einfach und einfach perfekt. Manchmal denke ich: Warum kann ich bloß nicht mehr so sein, wie ich damals war! Jetzt fallen mir dafür ganz andere Sachen ein. Und vielleicht schaue ich in fünf Jahren auf diese Schaffensperiode und empfinde das wiederum ähnlich. Aber ist solch eine Idee wie „Oregano“ denn wie eine Wunderblume, die niemand außer mir gesehen hat, und ich habe sie gepflückt? Fest steht, dass meine neuen Stücke nicht mehr von dieser hellsichtig einfachen Art sind.

MK Das gefällt mir an ihnen.

CG Sie sind saftdurchströmt. Juicy.

MK Durchströmt! Sehr schön gesagt.

CG Die Gefühlsebene ist offenbar. Es gibt Zweideutigkeiten.

MK Ich habe manchmal das Wort „blumig“ gebraucht, um diese Musik zu beschreiben.

CG Nein, das Album ist nicht blumig. Es ist saftdurchströmt. Von seinen Blütenblättern aus geht es noch bis tief hinunter in den Boden. Aus der feuchten Erde erwächst dieses schöne Zeugs.

MK Ist blumig eine Beleidigung?

CG Richard Clayderman ist blumig.

MK Oh je.

CG Verstehst du? Es geht zu sehr in Richtung hübsch. Und ich ziehe Schönes dem Hübschen vor. Hässliches kann schön sein. Der Tod kann schön sein. Sex kann schön sein.

DIE MÜTZE, MODELL “PRINZ HEINRICH”, HAT NICHTS MIT HELMUT SCHMIDT ZU TUN. DER BEVORZUGTE EINE HELGOLÄNDER LOTSENMÜTZE.

MK Sollte sich Musik so anhören, als ob es sie schon immer gegeben hat?

CG Das habe ich bei „Oregano“ so empfunden. Im selben Moment, da ich es schrieb, hatte ich das Gefühl, dass es zuvor schon dagewesen war. Damals ahnte ich nicht, dass ich an einem Album arbeitete. Diese Naivität, beinahe kindlich, habe ich nicht mehr. Deshalb fange ich oft mit Projekten an in Bereichen, von denen ich noch gar nichts weiß – mein Gonzervatory zum Beispiel. Mein Liederbuch für Anfänger, einen Film. Da kann ich mich wieder wie ein Kind fühlen, das von der Materie so gut wie keine Ahnung hat.

MK Du bist ein Kind!

CG Nicht am Klavier. Da bin ich ein Kind mit viel zu viel Wissen. Das ist: ein Greis, der nach den fehlenden Gewissheiten sucht. Ein Zen-Greis.

MK Das ist das Geschenk des ersten Albums. Es ist wie ein Baby. So kann man es niemals wieder erleben.

CG Das war mein Gefühl, als du vorhin deine neuen Stücke gespielt hast: Ich entdeckte Antworten auf Fragen, die sich mir durch dein erstes Klavieralbum gestellt hatten. So entsteht ein Werk. Ich verstehe jetzt besser, wer dein Olmo Rosenthal sein könnte. Wie er war. Ich mag es sehr, wenn ich beim Schreiben feststelle, dass ein neues Stück sich auf ein älteres bezieht. So schafft man ein Universum.

MK Das gefällt mir an James Brown, wenn er sich in seinen Improvisationen selbst zitiert.

CG Jazzmusiker haben auch solche Muster, die sie wie Vignetten einsetzen in völlig andere Stücke. Rapper kommen auf einen spezifischen Flow zurück. Wer sich nie wiederholen will, kann als Künstler nur scheitern.

MK Man sollte dazu in der Lage sein, das stimmt schon. Ich hatte darüber noch nie nachgedacht.

CG Ist dir das an deinen Partituren noch nicht aufgefallen? Wie sich die Anzahl von Noten bei Aufwärtsbewegungen in der Melodie wiederholt? Jeder Komponist hat solche Lieblingsmotive, die er immer wieder zum Einsatz bringt. Das fällt den Komponisten selbst nicht auf. Jeder von uns hat solche blinden Flecken, die uns ganz zu eigen sind. Im Alter denken dann manche, sie müssten aus der Wiederholung brechen. Sie gehen gegen sich selbst vor. Was ich mache, wenn ich das Gefühl bekomme, dass es überhandnimmt: Ich spiele mit den Tonspuren. Nehme seltsame Geräusche auf, beschäftige mich verstärkt mit der Atmosphäre eines Stückes. Man sollte sein Kompositionsverhalten infrage stellen, es zeitgleich aber so ungehemmt wie nur möglich fließen lassen. Sich dabei nicht zu wiederholen ist unmöglich.

“Ich würde nie behaupten, ein Pianist zu sein.”
CHILLY GONZALES

MK Auf „Solo Piano III“ gibt es Stellen, die mich an dich als Person erinnern. Und ich war schrecklich froh, dass dir dieses Album so gut gelungen ist. Einem Künstler in deiner Position hätte es genauso gut schrecklich misslingen können.

CG Der Trick besteht einzig darin, etwas zu sagen zu haben. Etwas dem hinzuzufügen, was schon gesagt worden ist. Und trotzdem muss das Neue auch für sich alleine stehen können. Darin besteht dieser seltsame Balanceakt des Schöpferischen. Ich muss mich also auf gekonnte Art wiederholen, zugleich muss ich mich dazu bringen, in ein mir unbekanntes Gebiet vorzudringen. Ich habe ja anders als du, wie mir scheint, eine gewisse Hemmschwelle vor der Dissonanz. Ich versuche, sie zu umgehen, oder ich will sie auflösen.

MK Du magst meine offenen Schlüsse nicht! Beziehungsweise lassen dich meine unaufgelösten Akkorde verzweifeln.

CG Ich habe mich bei dir daran gewöhnt. Ich weiß, dass du die gern hast.

MK Ich lasse den Schluss gern offen. Mir scheint das natürlich. Ein Freund, der Filmregisseur Klaus Lemke, hat einmal zu mir gesagt: „Spielen hat mit Spielen zu tun.“ Im Deutschen sind die Begriffe nicht unterschiedlich wie im Englischen, wo es to play gibt und acting.

CG Und damit meint er, dass Schauspieler sein bedeutet, die kindliche Lust am Spiel nie zu verlernen.

MK Genauso hier: Wenn ich Klavier spiele, spiele ich mit dem Klavier.

MAESTRO GONZALES HÄLT SEIT 2009 DEN WELTREKORD FÜR DAS LÄNGSTE KLAVIERKONZERT: 27 STUNDEN, 3 MINUTEN UND 44 SEKUNDEN (300 STÜCKE)

CG Ja, das trifft auf deine Finger zu. Und auf die Geisteshaltung vor allem. Die anfängliche Unschuld, von der wir vorhin sprachen. Um mir die bewahren zu können, habe ich mir das Gonzervatory einfallen lassen. Wie ein Kind habe ich mir mein Ideal einer Musikschule ausgemalt: dass es Tassen geben müsste mit meinen Händen als Logo bemalt, als Direktor des Konservatoriums rolle ich auf einem Segway in den Saal, hinauf auf eine riesig breite Bühne, auf der von früh bis spät gespielt wird im Kreise meiner Meisterschüler! Das ist die anfängliche Unschuld, die ich meine. Fühlung aufzunehmen mit einer Welt, in der wir noch nicht so waren, wie wir geworden sind: Menschen, die anderen etwas vormachen. Mit fünf drückt man sich ohne Hintergedanken aus. Theoretisch ist die Naivität von Kindern wunderschön. Sie leben in Allgegenwärtigkeit und vertrauen auf sich. Wenn ich aufnehme, versuche ich mich auf diesen Instinkt zu verlassen. Ich begebe mich ganz ins Spiel. Wenn mir das gelingt, bekomme ich ganz andere, mir wertvoller erscheinende Ergebnisse, als wenn ich versuche, Perfektion zu forcieren. Mit „wertvoll“ meine ich eine Aufnahme, bei der jeder fühlt, dass es sich um einen Moment gehandelt hat.

MK Vor zwei Wochen wurde ich von einem Journalisten gefragt, ob ich mit meiner Musik einen Punk-Ansatz verfolge. Ich sagte, dass ich mich mit Punk nie beschäftigt habe. Was ich mache, hat nichts mit Rebellion zu tun.

CG Den Begriff der Virtuosität hast du absichtsvoll verschwiegen.

MK Ich habe stattdessen von Respekt gesprochen. Und von Hingabe. An die ganze Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Da sind wir uns doch ähnlich?

CG Meine Rebellion findet statt in meinem Verhalten auf der Bühne. Als Auftretender.

MK Weil du mit den Konventionen brichst.

CG Ich stelle infrage, wie man auftreten sollte. Ich spiele mit der Erwartungshaltung meines Publikums. Da liebe ich übrigens das Ungemütliche und Dissonante. Mich hat die Konzeptkunst beeinflusst. Aber auch Stand-up-Comedians und sogar Politiker. Die Rituale der Selfhelp-Gurus. Sektenführer natürlich auch. Das kann also von der Haltung her schon von Punk beeinflusst sein. Aber musikalisch – Himmel, nein, bitte nicht! Mein musikalischer Ethos ist hundertprozentig demütig und von Respekt erfüllt. Weil ich mich in einer Traditionslinie von Musikern sehe. Als ein ewiger Student in diesem Sinne. Und dieser Student ist ein braver Schüler, ein fleißiger Student.

MK Unermüdlich. Das finde ich auch.

CG Ich fühle ja auch eine Verpflichtung meinem Publikum gegenüber. Sie haben sich Zeit genommen – und meine Eintrittspreise sind teuer! Also kommt es dazu, dass ich zeitweilig an einem Abend so wirken mag, als ob ich außer Rand und Band gerate, schier durchdrehe, aber damit kein Vertun: Das mache ich, um mein Publikum zu unterhalten. Denn es liegt an mir, ob sie einen Auftritt erleben, der sie über das Alltägliche hinausheben kann.

MK Also sind wir beide keine Punks.

CG Nein. Bei mir heißt das Entertainment. Ich kenne Punks, ich kenne Pianisten. Ich würde nie behaupten, ein Pianist zu sein. Ich habe allerdings behauptet, dass ich ein musikalisches Genie bin. Es war mein Großvater, der mich an die Musik herangeführt hat. Da ging es vor allem um den Respekt vor den großen Komponisten, um europäische Kultur.

MK Denkst du manchmal darüber nach, wie im Pantheon über dich gesprochen wird?

CG Ich durfte mal für Quincy Jones spielen.

MAN TRAUT SICH KAUM, IHN ANZUSPRECHEN: “STÖRE ICH BEIM KOMPONIEREN?”

MK Was hat er gesagt?

CG Er sagte: „You’re bad, motherfucker!“ Er hatte sich meine ganze Show angesehen und dabei belegte Brote gegessen. Er saß am Bühnenrand. Montreux ist ja gewissermaßen sein Festival. Er fragte: „Bist du jüdisch?“ Ich sagte: „Ja.“ Und er: „Das habe ich gehört.“

MK Es ist so schade, dass Nina Simone nie ein Album mit ihrer Klaviermusik aufgenommen hat. Ich liebe ihr Spiel so sehr.

CG Sie ist ja auch nur zufällig zum Singen gekommen. Ursprünglich, damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen, hat sie als Klavierspielerin in einem Restaurant gearbeitet. Da bat man sie dann, auch zu singen. Sie zierte sich. Und dann wurde sie zu Nina Simone.

MK Sie spielt very Bach.

CG Ihr Spiel ist sparsam. Aber seelenvoll. Da ist kaum etwas vom typischen Pianistenego.

MK Das ist das Schöne.

CG Das ist das Schöne auch bei George Gurdjieff. Und es ist das Schöne bei dir. Bei dir höre ich das mehr als in meinen eigenen Sachen. Das liegt vermutlich an der mystischen Seite deiner Persönlichkeit.

MK Ich muss zur persischen Seite meiner Persönlichkeit vordringen.

CG Kommst du voran?

MK Langsam. Ich höre jetzt jedenfalls sehr viel mehr Einflüsse osteuropäischer Musik, jüdischer und persischer in meinen neuen Stücken.

CG Ja, diese Brise aus dem Orient habe ich auch gespürt – hatschi!

MK Bless you!

Aus dem Englischen von Joachim Bessing

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