Lutz

Huelle

In den Neunzigern designte er Schulter an Schulter mit Martin Margiela. Dabei war Lutz Huelle eher beiläufig in der Mode gelandet (Es hatte mit London, seinen Eltern und Wolfgang Tillmans zu tun). In Paris gründete er sein eigenes Label. Und entwarf fortan für eine kleine Gemeinschaft von Eingeweihten: Bomberjacken und Assymetrisches aus Jeans und Glitzer. Seit Marken wie Vetements auf ganz ähnliche Weise die Streetwear adeln, ist Huelle plötzlich berühmt.

FRAUKE FENTLOH Herr Huelle, wieso mögen Sie Bomberjacken so sehr?

LUTZ HUELLE Ich finde sie genauso interessant wie alle anderen Kleidungsstücke, die eine eindeutige Bewertung besitzen: Trenchcoat, Smokingjacke und eben Bomberjacke. Das sind Archetypen. Eine Bomberjacke hat für die Menschen eine ganz klare Bedeutung. Wenn man daran herumdreht, wird es interessant.

FF Ihre Bedeutung hat sich aber extrem verändert, früher war die Bomberjacke mit Skins assoziiert.

LH Klar. Die grüne Bomberjacke war früher schon so ein Ding. Eigentlich ist sie ja ein Armeeteil, eine Fliegerjacke aus Amerika. Ich fand an ihr immer interessant, dass sie eine gewisse komische Aggression ausstrahlt. Und sie dann einer Frau anzuziehen, weil Frauen ja eigentlich nicht das Recht haben, aggressiv zu sein. Die Gestik der Bomberjackenträgerin fand ich toll: Wenn man die Hände in die Taschen steckt, hat das etwas leicht Bedrohliches. Die Jacke sorgt dafür, dass man eine bestimmte Haltung einnimmt. 

FF Haben Sie sie auch getragen?

LH In den Neunzigern. Dann habe ich damit aufgehört, weil ich sie nicht mehr interessant fand. Solche Dinge sind dann nicht mehr in der Mode, und man will sie einfach nicht mehr anziehen. Jahre später wollte ich eine in die Kollektion nehmen. Aber wenn ich sie genäht habe, war sie nie so schön wie die echten Alpha mit dem orangefarbenen Innenfutter. Sie ist nämlich wirklich sehr kompliziert zu schneidern. Ich habe dann einfach eine von Alpha Industries gekauft und zerschnitten, nur für die Show. Die Leute wollten sie aber unbedingt kaufen. Dann musste ich Alpha Industries anrufen und denen sagen: “Ich habe in eure Jacke geschnitten.”

 

“In Hamburg habe ich echt nicht viel gemacht.
Ich bin die ganze Zeit ausgegangen. Da wusste ich: Ich muss weg, sonst versumpfe ich”
LUTZ HUELLE

 

FF Sie haben einmal eine Boxer-Kollektion gemacht, ging es da auch um aggressive Frauen?

LH Ja, denn Boxerinnen galten als unfeminin. Ich wollte eine Frau, die bereit ist auszuteilen. Außerdem habe ich mich gefragt, warum man High-Fashion nicht in derselben Art und Weise anzieht wie Sportswear, jeden Tag, wenn man vor dem Fernseher rumhockt, zum Einkaufen. Ich wollte diese kostbare Mode in einen alltäglichen Zusammenhang verpflanzen. 

FF In der Kollektion gab es auch ein Kleid, das nur aus einem Handtuch bestand.

LH Erst dachte ich an ein Handtuch als Schmuck um den Hals. Ein Handtuch ist super, weil es in den Köpfen der Menschen so eindeutig definiert ist. Ein Handtuch ist ein Handtuch. Man fühlt sich am wohlsten, wenn man im Badezimmer aus der Dusche kommt und sich in ein Handtuch einwickelt, das ist ein total intimer Moment. Diesen Augenblick wollte ich in ein Kleid einbauen. Die Idee war simpel, aber auch wahnsinnig sexy. Nur das Handtuch und zwei Strassträger, die das Ganze zur Abendgarderobe machen. 

Lutz Huelle in Paris

Lutz Huelle in Paris

FF Hat es das Handtuch denn aufs Abendparkett geschafft?

LH Einer meiner tollsten Momente als Designer war der, als Wolfgang Tillmans den Turner-Preis gewonnen hat, das war 2000. Wir saßen mit Wolfgang am Tisch. Und Alex Bircken hatte mich vorher gefragt, ob ich etwas zum Anziehen für sie hätte. Ich meinte: “Na ja, ich habe das Handtuch, haha.” Wir haben dann ernsthaft mit diesen ganzen schicken Menschen am Tisch gesessen, und Alex saß beim Bankett in einem Handtuch. Wenn man da in die Runde blickte, war es in gewisser Weise absurd, aber absolut toll. Weil es völlig unverständlich war. Ein schicker Dinnertisch, hohe Gesellschaft und Frau Bircken sitzt im Handtuch da. Ganz viele Leute waren toll angezogen, in Abendkleidern, aber alle haben Alex angeschaut. Es war so einfach mit ganz simplen Mitteln zu erreichen, was alle wollen: angeschaut zu werden.

FF Kate Moss hat es auch getragen.

LH Ja, sie sah toll darin aus. Sie hat es fürs “Purple Magazin” getragen, die haben damals eine Modegeschichte mit uns und Comme des Garçons gemacht.

FF Sie selbst haben einmal gesagt, dass Mode Sie eigentlich nie so richtig interessiert hätte, sondern eher die Musik.

LH Ich war besessen von Musik! Aber mich hat alles interessiert, was mir eine Möglichkeit geboten hat, über den Ort hinauszuschauen, an dem ich mich gerade befand. Die gesamte populäre Kultur. Man schaut sich einen Film an und sieht, wie das Leben woanders sein könnte. Während andere Jungs sonntagnachmittags Fußball spielten, habe ich zu Hause im Zimmer gesessen und RTL-Hitparade gehört, haha.

 

“Jetzt verstehen die Menschen plötzlich, was ich tue. In der Mode ist es genauso schlimm,
zu früh zu sein wie zu spät. Es ist die gleiche Dummheit”
LUTZ HUELLE

 

FF Schon Mainstream also?

LH Ja, ja, Hitparade, alles, ich bin kein Snob, was Musik angeht. Auch generell, ich bin generell kein Snob.

FF Ich dachte, Sie wären ein Smiths-Fan gewesen. Wegen des T-Shirts mit der Aufschrift “There Is A Light That Never Goes Out”?

LH Total. Das ist eins meiner liebsten Lieder. “Take Me Out Tonight / Because I Want To See People And I Want To See Life.” Großartig. 

FF Sie sind in Remscheid aufgewachsen, wollten Sie da auch lieber früher als später raus? 

LH Es ist eine verhältnismäßig kleine Stadt, die dementsprechend konservativ war. Jegliches Anderssein war kompliziert. Deswegen auch der ständige Wunsch, sich das Leben irgendwie anders zurechtzurücken, in Musik, in Mode, in Film. Es gab dort keine Subkulturen, aber man wollte zu etwas gehören, visuell oder indem man dieselbe Musik hört wie andere Leute. Man erfindet sich in gewisser Weise neu.

FF Wie sind Sie an diese Informationen gekommen ohne Internet?

LH Ich habe meine Zeit damit verbracht, am Remscheider Hauptbahnhof englische Zeitungen zu kaufen. “I-D”, “The Face“” und dann gab es noch eine englische Popzeitschrift, die hieß “Smash Hits”. Die gibt es schon seit Jahren nicht mehr, aber die habe ich damals immer gekauft. Da entstand dann der Wunsch, nach England zu ziehen. Das war mein Ziel, seit ich 14, 15 war. Ich wusste, dass ich dafür arbeiten muss. Ich war in der Schule eigentlich nie wirklich gut, aber ich war extrem gut in Englisch.

FF In der Schule haben Sie Wolfgang Tillmans und Alexandra Bircken kennengelernt. Ein ganz schöner Zufall. 

LH Die Sache mit Wolfgang war, dass wir beide vielleicht ein wenig eigenartige Persönlichkeiten waren. Und dann findet man zueinander. Alex ist ein wenig später nach Remscheid gezogen. Das war einfach Schicksal. Ich habe sie am ersten Tag in der Schule gesehen, und es war sofort eine Beziehung da. Das ist ja manchmal so, dass man Leute trifft und sofort das Gefühl hat, dass man mit denen etwas zu tun hat. 

FF Welche Rolle spielte Kleidung?

LH Man wird natürlich immer danach beurteilt, wie man aussieht. Ich war als Kind immer extrem dünn und sah nicht sonderlich stark aus. Aber in Wirklichkeit bin ich superstark. Ich habe einen Kern aus Eisen. Aber das hat mir niemals jemand angesehen. Ich finde es ganz eigenartig, dass Menschen immer glauben, dass du jemand Bestimmtes bist, weil du aussiehst, wie du aussiehst. Kleidung macht Leute immer komplexer.

FF Da haben Sie dann die Bomberjacke drüber gezogen. 

LH Zum Beispiel! Klar, man will nicht an der Bushaltestelle angemacht werden, und wenn man nicht aussieht wie Arnold Schwarzenegger, muss man schon aufpassen. Dann zieht man sich eine Bomberjacke an, steckt die Hände in die Taschen und hofft, dass man nicht angemacht wird.

FF Sie sind dann tatsächlich mit Wolfgang Tillmans und Alexandra Bircken nach England gegangen. Wie sind Sie dort zur Mode gekommen?

LH Wir haben alle zusammengewohnt. Erst Alex und ich, dann kam Wolfgang dazu. Ich wollte nach London, dachte aber, ich kann meinen Eltern nicht erzählen, dass ich ausgehen und mich amüsieren will, haha. Das war der vordergründige Plan. Einfach mit Leuten zusammen zu sein, die die gleichen Interessen haben wie ich. Ich hatte vom Saint Martins gehört. Die Sängerin Sade war dort gewesen. Die ganzen tollen Leute gingen dorthin, das war wahnsinnig aufregend. Gleichzeitig war es etwas Reales, was ich meinen Eltern sagen konnte: “Ich gehe nach London und studiere dort Mode an dieser tollen Schule.” In Hamburg, wo ich vorher gewohnt habe, habe ich echt nicht viel gemacht. Ich bin einfach die ganze Zeit ausgegangen. Ich wusste auch: Ich muss hier weg, sonst versumpfe ich.

FF So war Hamburg damals?

LH Hamburg war ein Traum. Das ist echt eine Gefahr, wenn man sehr jung ist. Das Ausgehen ist ja ein Traum. Es ist gefährlich, denn wenn man einmal anfängt, nachts nicht zu schlafen, dann ist man in der nächsten Nacht wieder nicht müde, das verwirkt sich, das geht verhältnismäßig schnell. Da habe ich gemerkt, ich muss hier weg.

FF Aber London war doch in den Neunzigern die Partystadt überhaupt!

LH Das war auch wahnsinnig toll. Aber in London hatte ich etwas zu tun, das war offiziell etwas Seriöses. So seriös, wie ich sein konnte.

FF Später gingen Sie nach Paris. Dabei wollten Sie erst gar nicht.

LH Ich war einfach wahnsinnig glücklich in London. London war damals wirklich der tollste Ort auf Erden. Ich bin nur nach Paris gegangen, weil ich diesen Job hatte.

FF Bei Margiela? 

LH Genau. Das war natürlich mein absoluter Traumjob, ich wollte unbedingt dort arbeiten. Es wäre verrückt gewesen, es nicht zu tun. Aber Paris schien mir völlig unkosmopolitisch. Die Menschen haben sich nicht wirklich vermischt, jeder blieb in seiner eigenen Sphäre. Ich war schockiert, wie man dort angeguckt wurde, wenn man nicht so aussah, wie die sich das vorstellten. 

FF War die Maison Margiela in dieser Welt eine Art experimentelle Enklave?

LH Es war ja keine französische Mode in dem Sinne, es war viel weltoffener. Margiela war auch eine ganz kleine Firma damals, da haben nur ganz wenige Leute gearbeitet. Es war sehr familiär und extrem nett.

 

“Margielas Show in der Banlieue war ein Skandal. Das war nicht das normale Paris. Interessant, dass das heute alle anders sehen.”
LUTZ HUELLE

 

FF Wie viele waren Sie damals?

LH Wir waren zu zweit mit Martin im Atelier. Und dann gab es die Leute, die den Verkauf gemacht haben.

FF Man stellt sich die Pariser Modeszene in den Neunzigern eigentlich total spannend vor, Margiela hielt Schauen in der Banlieue ab.

LH Das war ja ein Skandal damals! Das war nicht das normale Paris. Es war ein wahnsinniger Skandal, auf der ersten Seite der “Libération” gab es eine Schlagzeile: “Wie kann man Mode in diesem Zusammenhang zeigen?” Das wurde extrem kritisiert. Interessant, dass das heute alle anders sehen. Heute gilt die Schau als mythisch. Damals fand man das unmöglich,
dass eine Marke, die teure Designerkleidung verkauft, eine Modenschau in der Banlieue abhält. Dabei war sie total positiv, überall sind Kinder herumgelaufen. Das war aber auch noch vor mir, die zweite Show 1990. Ich bin erst 1995 gekommen. 

FF Sehen Sie Martin Margiela noch gelegentlich? 

Lutz Huelle in Paris

Lutz Huelle in Paris

LH Nein, nein, eigentlich gar nicht mehr.

FF Interessanterweise sieht ja plötzlich ganz viel Mode aus wie das, was Sie schon seit 15 Jahren machen, wenn man sich Vetements anschaut zum Beispiel. Stört Sie das?

LH Das stört mich überhaupt nicht, im Gegenteil. Gott sei Dank! Das heißt ja, dass ich mich nicht völlig vertan habe

FF Waren Sie einfach Ihrer Zeit voraus?

LH Anscheinend! Das ist natürlich toll, dass das heute so ein Ding ist, dass es selbstverständlich geworden ist, so zu denken. Ich finde es extrem interessant. Das nervt mich nicht. Ich bin überhaupt seltenst genervt. Das ist reine Zeitverschwendung.

FF Können Sie sich erklären, warum Sie jetzt plötzlich so erfolgreich sind?

LH Ich denke, dass jetzt für die Menschen verständlich ist, was ich tue, weil es plötzlich in Mode ist. So simpel. Anders kann ich es mir nicht erklären. In der Mode ist es genauso schlimm, zu früh zu sein wie zu spät zu sein. Es ist die gleiche Dummheit.

FF Aber es klingt doch besser, seiner Zeit voraus zu sein, als hinterherzuhinken.

LH Stimmt, aber es ist in gewisser Weise genauso falsch, weil es genauso wenig ausmacht. Wir haben wahnsinnig Glück gehabt, weil wir in diesem Geheimtipp-Dasein immer genug Unterstützer hatten. Wenn es nicht immer Leute gegeben hätte, die das immer schon gut fanden und es schon immer verstanden hätten, dann wäre ich gar nicht mehr da.

 

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