ORMAIE PARIS

Einst lebte ein Junge für einige Zeit bei seinen Großeltern,  des Abends hatte der Großvater die Angewohnheit Skulpturen zu bauen. Der Junge liebte es ihm dabei zuzusehen, er konnte den Großvater stundenlang beobachten, wie er all die schönen Dinge schuf. So entstand seine Faszination für Kreativität und die schöne Form. Die Mutter des Jungen war Kreativdirektorin (es gibt leider keine entsprechende Bezeichnung im Märchenwortschatz) in der Welt der Parfums, sie war verantwortlich für die bezauberndsten Düfte.

So ähnlich klingt die Geschichte von Baptiste Bouygues, Gründer einer der spannendsten Parfümerie-Konzepte der letzten Zeit. ORMAIE Paris, 100 % natürliche Inhaltsstoffe, umwelt- und sozial nachhaltige  Materialien, bei sowohl Inhalt als auch Verpackungen bzw. Flacons. Weil letztere wirklich außerordentlich fotogen, künstlerisch, fast schon skulptural wirken, haben sie es in das Duft-Editorial „Goods“  unserer Holliday-Ausgabe geschafft.

ORMAIE PARIS Les Brumes, Toi Toi Toi, und Le L’Ivrée Bleu – Photo: Nils Edström

INTERVIEW Monsieur Bouygues, wie kam es dazu, dass sie ihr eigenes Parfum-Label gründeten?

BAPTISTE BOUYGUES Sie wissen vielleicht, dass nahezu alle Parfums heutzutage 90 % synthetisch sind. Eines Tages ging ich zu meiner Mutter und sagte ihr, ich denke wir sollten ein Parfum entwickeln welches 100 % natürlich ist, nicht weil das momentan im Trend ist, sondern weil ich das schick fände. Ich habe eine starke Verbindung zur Natur, ich denke, wie die Leute die Blumen kultivieren, welche Zeit die Destillation in Anspruch nimmt usw. all das sollte wertgeschätzt werden. Natürlich sagte mir meine Mutter, das sei aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich, aber wir arbeiteten dann drei Jahre daran. Der erste Schritt war natürlich die richtigen Partner für die Rohmaterialien zu finden. Im Französischen sind sich die Worte ‚beau‘ und ‚bon‘, also schön und gut, sehr ähnlich, ich wollte also die schönsten  Rohmaterialien haben, sie sollten aber auch sozial- und umweltverträglich gut sein. Letztendlich geht das in dieselbe Richtung, wenn die Leute gut bezahlt werden, dann liegt ihnen mehr an ihrer Arbeit und sie gehen gut mit den Materialien um. Wir haben tolle Partner gefunden: z.B. bei dem Zedernholz, welches wir nutzen, haben wir den Deal, dass für jeden gefällten Baum auf Neukaledonien 20 neue Bäume gepflanzt werden. Oder, die Leute die auf Madagaskar unsere Vanille anbauen werden im Voraus bezahlt, sodass sie ihr Geschäft anständig entwickeln können. Diese und weitere Beispiele zu finden war viel Arbeit, aber es hätte keinen Grund gegeben ein Parfum zu entwickeln, wenn es nicht mindestens ebenso gut geworden wäre wie schon existierende Produkte. Dafür mussten wir mit den besten Parfümeuren  arbeiten, weil wir eine ganze andere Material-Palette haben. Es ist aus unterschiedlichen Gründen sehr schwierig  mit ausschließlich natürlichen Materialien zu arbeiten, so dauerte es weitere eineinhalb Jahre den ersten Duft zu kreieren. Als wir diesen dann hatten und ich ihn „probierte“, ging ich noch am selben Tag zu meinem alten Arbeitgeber und kündigte.

INTERVIEW Können Sie etwas über das außergewöhnliche Design der Flacons erzählen?

BB Es ging immer um Kreativität und den Versuch unserer Gefühle auszudrücken. Ich erinnere mich, dass meine Mutter immer das Chanel Nr. 5 besaß, die Flasche ist so schön, dass sie fast schon als Dekorationsgegenstand gelten könnte. Ich habe das Gefühl, dass Parfums gerne im Badezimmer versteckt werden, ich will aber, dass die Flaschen das Badezimmer verlassen und im Wohnzimmer oder dem Künstleratelier stehen. Ich will, dass die Leute ein Produkt besitzen, welches sowohl ein tolles Parfum ist, als auch als Objekt auf dem Kaminsims stehen kann.
Ich arbeitete mit einer tollen Art Direktorin zusammen, ich liebe klassisches Design, sie liebt die Entwürfe von Leuten wie Jean Paul Gaultier. Im Grunde war der erste Entwurf schon der richtige, es sollte keine Eingeständnisse gemacht werden, das Konzept lautete: die pure Kreativität. Und ich glaube uns ist ein Stück gute Kunst gelungen:
Das Holz aus nachhaltigem Anbau wird von Hand geschliffen, weil wir keine geraden Kanten wollen. Das Glas kommt aus einer Manufaktur in der Normandie und das Papier der Verpackung wird in einer Druckerei in Marais in Paris gedruckt. Übrigens mit Maschinen aus Deutschland aus den 1950ern haha, weil das die besten sind. Das bedruckte Papier wird dann nach Italien geschickt, weil sie dort die Möglichkeit haben runde Boxen herzustellen.

INTERVIEW Der Erfolg dieser wirklich aufwändigen Produkte spricht für sich und das ging auch noch relativ schnell. War das überraschend?

BB Wissen Sie, wenn sie etwas so kreatives machen und das dann der Welt präsentieren, dann ist das wohl das nervenaufreibendste Gefühl, welches man sich nur vorstellen kann. Wir sind sehr froh darüber, dass die Leute auf die Qualität, die Ehrlichkeit und die Kreativität des Produkts so reagieren. Es war ein bisschen verrückt von uns, was wir da gemacht haben, weil wir alles selbst gemacht haben. Wir investierten so viel Zeit und haben unsere Arbeit nie jemandem gezeigt, bevor sie nicht fertig war. Das erste Mal, als wir einen Laden besuchten, um unser Produkt vorzustellen, war alles schon fertig. Das sollte man eigentlich nicht so machen, das kann stark nach hinten losgehen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich zitterte, als ich das erste Mal darüber sprach. Aber ja, es hat den Leuten gefallen und wir fingen an zusammenzuarbeiten.

ORMAIE PARIS Les Brumes, Toi Toi Toi und Le L’Ivrée Bleu – Photo: Nils Edström

INTERVIEW Sie sagten zu Beginn etwas über Trends, „Natürlichkeit“ wäre ein Trend…

BB Was ich meinte ist, dass „Bio“ und „Natürlichkeit“ momentan ein Trend ist, ein sehr guter Trend natürlich, auch was Essen usw. betrifft, aber das war nicht der Grund warum wir das gemacht haben. Wir haben das gemacht, weil ich das als eleganter empfinde: Es gibt tolle Beispiele für synthetische Kleidung, aber das ist kein Vergleich mit einem Produkt aus Kaschmir. Es gibt einen Aspekt der Natur, der sich auf eine ganz andere Art und Weise berührt.

INTERVIEW Man kann sich heutzutage auch eigentlich nicht nicht mit Nachhaltigkeit beschäftigen.

BB Ja, wir haben keine Wahl. Und ich habe den festen Glauben daran, dass, wenn man etwas Künstlerisches macht, das Hand in Hand geht mit einer gewissen Verantwortung: Man produziert limitierter, die Qualität ist besser und wenn du es wirklich, wirklich gut machen willst, dann muss auch für die Umwelt und dein Umfeld  gut sein.

INTERVIEW Ist Nachhaltigkeit bzw. Natürlichkeit der neue Luxus?

BB Das hoffe ich.

INTERVIEW Sie unterscheiden nicht in Parfums für Männer und Frauen, richtig?

BB Richtig, alle Düfte sind unisex. Natürlich gibt es für Europäer klassisch weibliche oder klassisch männliche Düfte, aber das ist etwas Kulturelles. Es gibt keinen männlichen oder weiblichen Geruchssinn, aber wir werden zu so etwas erzogen, denke ich.  Beispielsweise gibt es einige süße Geruchsnoten, die wir als weiblich einordnen würden, aber Männer aus dem Mittleren Osten lieben sie, weil es sich gleichzeitig um sehr elegante Noten handelt. Oder die weißen Blüten der Orange oder des Jasims sind bei uns eher in Frauen-Parfums zu finden, für die Inder sind diese Blüten aber Teil ihrer Kultur, man findet sie überall und es wird kein Geschlecht damit assoziiert. Wie Düfte eingeteilt werden hängt also stark von der Kultur ab und ändert sich ständig. Außerdem entfalten sich Düfte auf den unterschiedlichen Menschen auf ganz unterschiedliche Weise.

INTERVIEW Die letzte Frage an den Parfum-Experten. Besitzen Sie viele unterschiedliche Düfte oder bleiben Sie einem treu?

BB Ich bin eher einer Geruchsrichtung gegenüber loyal, als einem Parfum.  Mein Vater trug immer dieses schöne Lavendel-Parfum, weshalb ich inzwischen auch immer Lavendel-Düfte trage. Früher war mein Duft etwas süßer, inzwischen, mit dem Alter, ist er etwas kräftiger geworden, aber es muss immer die Lavendel-Basis sein, weil mich das immer an meinen Vater erinnern wird. Deswegen haben wir in unserer Kollektion auch den Duft „Le Passant“, was soviel bedeutet wie ‚jemand geht vorbei‘, weil mein Vater selten da war. Es handelt sich aber um einen wunderschönen Lavendelduft.

 

Fotos NILS EDSTRÖM
Beauty Editor KARIN WESTERLUND
Interview TOBIAS LANGLEY HUNT