ARTHUR

JAFA

Der 57-jährige Amerikaner ist einer der aufregendsten Künstler der Gegenwart. Nicht nur weil seine Arbeiten eine umwerfende Energie haben. Sondern auch weil sie immer wieder das Jetzt analysieren – seine Gewalt, seine Schönheit und die Frage, was es bedeutet, schwarz zu sein. Hier spricht er mit der Sammlerin Julia Stoschek, die Jafa derzeit in ihrer Berliner Collection ausstellt

JULIA STOSCHEK Ich habe den Satz von dir gehört: „Mir wurde gesagt, ich solle ein Künstler sein, und ich versuche immer noch herauszufinden, was das bedeutet.“ Mittlerweile haben große Sammlungen Arbeiten von dir erworben und du wirst international ausgestellt. Betrachtest du dich heute als Künstler?

ARTHUR JAFA Na ja, ich nehme an, dass ich diese Bezeichnung verdient habe, und zu einem gewissen Maß habe ich sie akzeptiert – da ist so etwas wie eine Berufung, da ist ein Engagement spürbar, das, was man Kunst nennt. Andererseits tue ich mich schwer mit der Idee von Kunst und Berufung. Kunst ist ja eine sehr eigenartige Praxis, bei der am Ende Preisschilder auf Artefakte geklebt werden. Bei mir ist das noch komplizierter, weil ich in meinen Ausstellungen immer Dinge, die ich geschaffen habe, mit Dingen kombiniere, die ich gefunden habe. Ich komme immer wieder auf Duchamp zurück, auf das Readymade, vor allem auf sein Urinal. Wieso hat das Ding funktioniert? Hat er ein Artefakt geschaffen? Ein Phänomen hervorgebracht? Es geht immer um die Konfrontation von Kunst mit Nichtkunst. Zusammen kreieren sie etwas. Es kann schön sein, vielleicht aber auch nicht, aber es ist immer wieder fesselnd.

JS Dein Ziel ist es, die Schönheit und Macht afroamerikanischer Musik in eine Bildsprache zu übertragen und so ein „Black Cinema“ zu entwickeln. Kann dieses schwarze Kino nur mit Musik erreicht werden? Und woher kommt deine Obsession für Musik?

AJ Eindeutig NEIN. Es gibt nicht nur den einen Weg, das eine richtige Modell, um seine Ziele zu erreichen. Ich frage mich: Wie macht man Objekte, die so fesselnd und interessant sind, dass man über sie nachdenkt, und die in gewisser Weise das verkörpern, woran wir denken, wenn wir es wagen, etwas wirklich Schwarzes zu machen? Und andererseits hypnotisieren können? Musik scheint etwas zu sein, mit dem das funktioniert. Sie ist etwas, zu dem die meisten einen Zugang haben, sie ist konkreter und zugänglicher als die meisten anderen Artefakte. Übrigens denke ich nicht, dass das Erschaffen schwarzer Artefakte oder schwarzen Materials etwas ist, mit dem nur Schwarze zu tun hätten. So wenig, wie schwarze Musik nur von Schwarzen komponiert wird. Wir haben eine privilegierte Beziehung zum Schwarz-Sein und ganz sicher eine privilegierte Beziehung zu schwarzer Musik, aber bei der Entstehung schwarzer Musik haben nicht nur Menschen afrikanischer Herkunft eine wichtige Rolle gespielt.

JS Du hast einmal gesagt, für dich sei der Inbegriff von Black Cinema eine Performance des Songs „Nothing But the Blood“ durch Lateria Wooten. Warum?

AJ Zunächst einmal ist das Stück wunderschön, wirklich faszinierend. Obwohl die meisten Menschen, die das beiläufigzu sehen bekämen, es vermutlich ganz anders sähen. Es ist kein gutes Filmmaterial, die Auflösung ist körnig, die Kamera wackelt, alle möglichen Dinge, die man zu sehen bekommt, würde man bestenfalls als amateurhaft empfinden, aber wahrscheinlicher einfach nur als schlecht. Genau das ist es, was mich interessiert: diese Spannung von Exzellenz und schlechter Ausführung. Es gibt so eine paradoxe Kombination von Elendigem und Großartigem, die ich für besonders schwarz halte. Und das ist etwas, das ich oft einsetze, um ein schwarzes Phänomen oder ein schwarzes Artefakt zu erzeugen.

JS Lass uns über deine aktuelle Ausstellung in Berlin sprechen: Das Interesse des Publikums ist überwältigend. In London war das ähnlich. Wie erklärst du dir, dass deine Ausstellung so viel Aufmerksamkeit bekommt?

AJ Ich kann darüber nur Vermutungen anstellen. Vielleicht hat es etwas mit der eindeutigen Natur meiner Darstellung von Schwarz-Sein zu tun. Wenn schwarze Künstler präsentiert werden, geschieht das ja oft gewissermaßen in Anführungszeichen. Bei mir ist das geradliniger.

JS Warum ist Berlin so wichtig für dich?

AJ Das hat mit David Bowie zu tun. Wie bei allen, die in den 70er-Jahren Teenager waren. Dazu kommt noch, dass Techno nach Berlin migriert ist. Es gibt die Geschichte der Technomusik, in der schwarze amerikanische Musik und Kraftwerk miteinander verwoben wurden. Das finde ich faszinierend.

JS Warum wurde deine Ausstellung noch nicht in den USA gezeigt? Möchtest du das eigentlich selbst? Und wenn ja, wo sollte sie stattfinden?

AJ Natürlich würde mir das gefallen. Aber ich zerbreche mir darüber nicht den Kopf. Es gibt viele Möglichkeiten. Wir werden sehen.

JS Auf den vorherigen Seiten können die Leser durch eines deiner „Picture Books“ blättern. Es gibt Bilder von James Baldwin, Michael Jackson, Pharrell Williams, eine Darstellung der Heiligen Maria, bewaffnete Kinder, afrikanische Skulpturen und ein Werk von Marcel Duchamp. Was für eine Kombination! Washattest du bei der Auswahl der Bilder im Sinn?

AJ Es ist gewissermaßen eine Sammlung nach dem Zufallsprinzip. Und ich habe nie versucht, in dieser Konstellation eine Seite höher als die andere zu bewerten, auch wenn ich selbst manche mehr mag als die anderen. Es geht bei all diesen Bildern um die Spannung, die zwischen ihnen stattfindet, man muss den Prozess betrachten. Die Bilder sind sozusagen die einzelnen Dokumente, die in ihrer Summe einen Denk- und Betrachtungsprozess auslösen.

JS Diese „Picture Books“ stehen im Mittelpunkt deiner Arbeit. Sie sind ein Archiv von Bildern und Fragmenten aus den unterschiedlichsten Kontexten. Die Videoarbeit „Apex“ – für mich ein Meisterwerk – ist ein Gesamtkunstwerk, das durch Digitalisierung deiner „Picture Books“ entstanden ist.

AJ Es läuft alles in die Richtung des Digitalen. Als ich versucht habe, zum Analogen zurückzukehren, habe ich festgestellt, dass es nicht mehr wirklich funktioniert. Ich kann jetzt online gehen, mir Sachen anschauen, nach bestimmten Sachen googeln. Es ist ein ganz anderer Prozess geworden. Ich werde übrigens ein wenig bockig, wenn meine Kunst mit diesen„Picture Books“ in Verbindung gebracht wird und alles, was ich mache, als eine Manifestation dieser Idee wahrgenommen wird. Das hat mit meinem Unbehagen darüber zu tun, dass ich öfter als Produkt der sozialen Medien wahrgenommen werde. Ich habe ein sehr spezielles Verhältnis zu Social Media. Ich poste kaum auf Instagram, vielleicht zweimal in den vergangenen fünf Jahren, und ich benutze Facebook nicht. Und trotzdem gibt es keinen einzigen Tag, an dem ich nicht gleich nach dem Aufstehen erst einmal Instagram checke. Es ist das Aller- erste, was ich jeden Morgen mache. Und ich liebe Google. Das hat etwas mit dem Fließen der Bilder und dem freien Assoziieren zu tun. Ich bin irgendwie skeptisch der Idee des Kollektivs gegenüber, aber ich bin auch an der Idee von Gemeinschaft interessiert. Ich würde sagen, schwarze Gesellschaften oder Gemeinden sind so wie in einer Kirche – Menschen kommen zusammen und tauschen sich aus. Das interessiert mich sehr. Denn darum geht es ja in meinen Arbeiten: die Spannung, die sich einstellt, wenn man eines neben das andere setzt, das eine zum anderen kommt. Was geschieht, wenn man X mit Y zusammenbringt? Was ereignet sich in der unkonventionellen Gegenüberstellung von Artefakt A mit Artefakt B, welche Energien werden freigesetzt? In gewisser Weise sage ich mitden „Picture Books“, dem Sound, den Ausstellungen: Das Dinghier ist cool, und dieses Ding da ist cool, und wenn man ein cooles X mit einem coolem Y verbindet, erhält man ein völlig neues Phänomen.

JS Im Moment wird viel über dokumentarische und virtuelle Formen der Gewalt in der Kunst diskutiert. Deine Arbeiten nutzen sowohl First-Person-Shooter-Spiele als auch Szenen von Straßengewalt, die von Smartphones aufgenommen wurden. Aber es gibt einen schmalen Grat zwischen Enthüllen und Ausstellen, Verherrlichen und Verharmlosen von Gewalt, wie manan den Kontroversen über Childish Gambinos Musikvideo „ThisIs America“ bemerkt hat. Was versuchst du zu erreichen, indem du in deine Arbeit Gewaltszenen einbaust?

AJ Ich würde gar nicht sagen, dass ich etwas zu erreichen versuche. Es ist eher so, dass ich fühle wie alle anderen auch, dass ich auf Dinge reagiere. Ich habe kein festgelegtes Ziel, etwa dass die Leute weinen, stutzen, entsetzt sind oder Trump abwählen wollen. Verstehst du, was ich meine? So direkt bin ich nicht.

JS Aber all diese Reaktionen geschehen.

AJ Das ist auch in Ordnung. Aber ich würde so weit gehen zu sagen, dass es mir egal ist. Es interessiert mich nicht wirklich. Ein großer Teil dessen, was ich getan habe, ist die Beschäftigung mit dem Wesen des Schwarz-Seins, der Untersuchung, wie spezifisch und wie universell das schwarze Wesen ist.

JS In unserer Ausstellung habe ich gelernt, wie mächtig und manipulierbar Bilder sind. Dasselbe Bild kann für und gegen Diskriminierung verwendet werden. Ein Beispiel sind die Lynchfotografien, die aufgenommen wurden, um die weiße Vorherrschaft zu demonstrieren und zu erhalten – aber später von der Anti-Lynch-Bewegung dazu benutzt wurden, diese Grausamkeiten zu beenden. Wie wirkt sich der Kontext einer Kunstausstellung auf diese Bilder aus? Was machen die hier? Und was hat dich dazu bewogen, die gesamte Galeriewand mit Bildern zu tapezieren?

AJ Ich denke, letztendlich geht es darum, die Menschen dazu zu bringen, Dinge anzuschauen und auf Dinge zu achten. Die Tapetenbilder, von denen du sprichst, sind wie Projektionen. Sie sind so groß, wie es möglich ist, wenn man keine Kinoleinwand hat. In gewisser Weise sagen sie: „Hey, sieh dir das an. Hier ist ein Bild, das sich nicht bewegen wird, schau es dir an.“ Filme machen das anders, weil es eine zeitliche Dimensiongibt. Aber dennoch: „Schau nicht nur auf diese eine Sache, sondern schau sie dir in Beziehung zu all den Dingen an, die ihr vorausgingen, und denen, die ihr folgen werden.“ Es läuft wirklich darauf hinaus, dem Besucher zu sagen: „Sieh dir das an, und die Struktur einer Kunstausstellung – physisch und metaphysisch – gibt dir die Gelegenheit, auch über das Betrachten selbst nachzudenken.“

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