ANNA

BLESSMANN

Es war während eines Abendessens, als Virgil Abloh die deutsche Künstlerin Anna Blessmann dazu ermutigt, ihr eigenes Modelabel zu gründen. Als sie sich trafen, trug sie einen abgeschnittenen Champion-Pullover und elegante Trackpants.

Ihre Ansichten und ihre Kleidung, die sie seit den 90er- Jahren für sich selbst umnäht, gefielen ihm anscheinend so gut, dass er sie an die Mailänder Modefirma New Guards Group weiterleitete, die auch hinter seinem Streetwear-Label Off-White steht. In Zusammenarbeit mit ihrem Partner, dem britischen Grafikdesigner Peter Saville, versteht Anna Blessmann A_PLAN_APPLICATION als moderne Alltagsuniform für Kreative, die lieber “Kleidung” als “Mode” genannt wird. Frei von Logos oder anderen Brüchen sind ihre Denim-Overalls und Hoodies dafür gemacht, die Launen der Modewelt zu überdauern.

CARA LERCHL Sie haben in den 90er-Jahren in Berlin an der UdK Malerei und Bildhauerei studiert. Es ist doch normalerweise immer andersherum: Designer fangen an, Kunst zu machen.

ANNA BLESSMANN Im Grunde beschäftigt sich meine Kunst schon immer mit der Frage des Körpers. Das ist genau der Aspekt, der mich auch an der Mode interessiert.

CL Haben Sie während Ihres Studiums Peter kennengelernt?

AB Ich hatte einmal eine Ausstellung bei Achim Kubinski in Berlin. Peter hat dann eines meiner Fotos aus der Ausstellung durch Zufall beim Fotografen Daniel Josefsohn entdeckt – es war bei ihm zu Hause gegen eine Wand gelehnt. Das Foto hat ihn anscheinend so beeindruckt, dass er mich kennenlernen wollte.

CL 2017 haben Sie Ihr Modelabel A_PLAN_APPLICATION gegründet. War Mode schon immer wichtig für Sie?

AB Weniger die Mode selbst als ihre Ästhetik und Semiotik. Ich war ein sehr moralischer Teenager und habe immer gewisse Normen und Systeme abgelehnt. Mein Faible war es, zu große Armeekleidung zum Kilopreis zu kaufen und sie umzunähen. Sweatshops in Bangladesch zu unterstützen war für mich unvorstellbar. Man hat ja auch einen Einfluss damit, wie man sein Geld ausgibt.

CL Sie scheinen überraschend konsumkritisch zu sein.

AB Meine Eltern sind radikale Linke. Ich bin mit dem Bewusstsein für Machtverhältnisse aufgewachsen.

CL Ich stelle es mir schwierig vor, sowohl Künstlerin als auch Designerin zu sein.

AB Es sind zwei absolut verschiedene Tempi, die da vor sich gehen. Die Kunst verbringt ihre Zeit damit, in die Leere zu starren. In der Mode geht das nicht. Ich versuche deshalb, den Designprozess zu verlangsamen, indem ich immer mit derselben Grundidee arbeite und sie durch Stoff und Schnitt leicht adaptiere. Darum nenne ich meine Mode auch nicht Fashion, sondern Kleidung.

CL Was stört Sie an Fashion?

AB Es gibt nichts, was mich daran stört. Ich verfolge sie sogar aufmerksam. Ich möchte nur keine kreative Idee oder relevante Frage an meinem Körper tragen. Darin liegt für mich auch der Unterschied zur Kleidung. Das mag arrogant klingen, aber die Themen der Mode als Unterhaltungsmedium habe ich in komplexerer Form schon in der Kunst gesehen. Nur wenige Modelabels schaffen es, beides zu verbinden. Dafür liebe ich meine Freunde von Bless.

CL Was steht hinter dem Namen A_PLAN_APPLICATION?

AB Es ist ein Systemname. Er steht für einen Plan, der von jedem einzelnen Träger anders angewandt wird.

CL Also soll Ihr Label das Leben einfacher gestalten?

AB Das Einzige, worüber ich viel weiß, ist mein persönlicher Hintergrund – und das ist die Kunstwelt. Die Frage, wie man sich als Künstlerin anzieht, beschäftigt mich schon lange. Ich hoffe, dass mein Label eine funktionale und elegante Lösung dafür anbietet.

CL Blaue Uniformen haben es Ihnen wohl besonders angetan.

AB Mein Vater ist Maler, ich bin mit seinem Blaumann quasi groß geworden. Ich habe ihn nie etwas anderes tragen sehen. Außerdem ist Blau eine klassenlose Farbe, sie hat ein weites Spektrum von Lesemöglichkeiten.

CL Haben Städte auch Farben?

AB Auf jeden Fall! Berlin ist schwarz, London ist navy und L.A. ist weiß. Das hat sicherlich mit den Lichtverhältnissen und dem Meerzugang zu tun.

CL Es war Virgil Abloh, der Sie dazu gebracht hat, Ihr Label zu gründen.

AB Ich habe zwar im Stillen meine Eigenkreationen getragen, hätte aber selbst niemals initiiert, eine Marke zu gründen. Eines Tages diskutierten ich und Peter mit Virgil – beide haben für Kanye West gearbeitet und kennen sich seit einiger Zeit – über unser ambivalentes Verhältnis zur Mode. Wir haben uns gefragt, warum es so wenige Kollektionen gibt, die eine Gegenposition einnehmen.

CL Da gab es doch schon einige Vorschläge in der Vergangenheit.

AB Anti-Fashion finde ich problematisch, denn es ist ja immer einfach, gegen etwas zu sein. Das Schwierige ist, es anders zu machen. Ich sagte zu Virgil, dass ich lieber eine Alternative bieten würde. Daraufhin ermutigte er mich dazu, seine Leute in Mailand zu treffen. Im Vergleich zu italienischem Handwerk sind meine handgemachten Sachen natürlich nichts.

Peter Saville fand aufgrund dieser Fotografie zu Anna Blessmann

CL Was hält Virgil von Ihrem Label?

AB Bevor ich anfing, Mode zumachen, sagte ich zu ihm, dass mein Label genau das Gegenteil von dem sein werde, was er macht. Er lachte nur und sagte: “Ich weiß.” Virgil ist unglaublich großzügig und schlau. Wir haben diametral verschiedene Meinungen, aber genau das mag ich.

CL Jetzt ist A_PLAN_APPLICA-TION Teil derselben Gruppe wie Off-White.

AB Ja. Bislang genieße ich die große künstlerische Freiheit, die die New Guards Group mir gewährt.

CL Hilft Peter Ihnen bei den Entwürfen?

AB Unsere Vereinbarung ist, dass er jede Saison einen Druck für die Kollektion mitgestaltet, damit die Kollektion nicht zu monochrom ist. Außerdem gibt er mir Tipps, was die Männermode betrifft.

CL Was sind Ihre nächsten Projekte?

AB Derzeit zeige ich in der Ausstellung “Atelier E.B: Passer-by” in der Serpentine Sackler Gallery meine Arbeit “Parts Two Plus One”. Sie zeigt Kleidungsstücke, die an Silikonabdrucken meiner Arme und abstrakten Fellformen hängen. Eine neue Idee der Schaufensterpuppe sozusagen.

 

HIER geht’s zum Interview mit Peter Saville.

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