ANNA

AAGAARD JENSEN

Mit „A Basic Instinct“ erfindet Anna Aagaard Jensen das sogenannte „Manspreading“ für Frauen neu. Es handelt sich um Sitzgelegenheiten, die ihre Betrachterin auffordern, sich so breitbeinig wie möglich niederzulassen. Und das so raumgreifend, wie es viele Männer gern in der Öffentlichkeit tun.

Das Kunstwerk bezieht sich auf eine Szene des gleichnamigen Films von 1992, in der Sharon Stone ihre Beine übereinanderschlägt und den Blick auf das lenkt, was sie drunter trägt – nichts. Beziehungsweise alles. Ein Move, der ihre männlichen Vernehmer aus dem Konzept brachte und Filmgeschichte schrieb.
Die feministischen Stühle, die Anna liebevoll ihre Ladies nennt, gehörten zu den Highlights der Dutch Design Week 2018 und luden zahlreiche Frauen dazu ein, mit ihrer selbstbewussten Körperhaltung zu irritieren.

 

CELIA MARIE FREILING Was ist der Hintergedanke von Ihrem Projekt „A Basic Instinct“?

ANNA AAGAARD JENSEN Wir alle streben stets danach ein perfektes Bild von uns zu kreieren. Wir kuratieren unsere Identität sorgfältig. Dabei versuchen wir uns in den sozialen und kulturellen Kontext einzuordnen, mit dem wir aufgewachsen sind. Die Angst des Menschen, nicht dazuzugehören, lässt ihn sich anpassen – innerlich wie äußerlich. Diese Anpassung macht uns, wie ich es nenne, „unterbewusst anonym“. Ich möchte, dass wir aus den konstruierten Mustern ausbrechen, Normen hinter uns lassen und zu unserer individuellen Identität stehen.

CMF Sind Sie Feministin?

AAJ Heutzutage gibt es so viele Möglichkeiten und Interpretationen, Feministin zu sein – was großartig ist. Jeder kann Feminismus für sich selbst definieren. Für mich bedeutet das, mich als Frau so zu präsentieren, wie ich es für richtig halte. Weiblichkeit hat so viele Facetten – Abätze oder keine Absätze, Beine spreizen oder Beine kreuzen, plastic fantastic oder eben nicht. Feminismus ist meiner Meinung nach auch, die Gleichheit zwischen Geschlechtern – ob Frau, Mann oder Trans.

CMF Wie waren die Reaktionen auf Ihre Arbeit? Unterschieden sie sich von Frau zu Mann?

AAJ Es gab viele unterschiedliche Reaktionen auf das Projekt, die meisten durchweg positiv – von Frauen, wie auch von Männern. Manche Frauen hatten keine Scheu, setzten sich breitbeinig auf die Ladies. Andere waren sehr zurückhaltend, doch fast erleichtert als sie dann saßen. Einige Männer jedoch, fanden das Projekt lächerlich und abstoßend. Sie fühlten sich diskriminiert, weil sie sich nicht setzen durften. So was ist natürlich unangenehm und macht auch irgendwie Angst. Mit „A Basic Instinct“ wollte ich eine Barriere zwischen Frau und Mann schaffen um aufzuzeigen, dass wir immer noch nicht gleichberechtigt sind.
Dieses Projekt hat Reaktionen provoziert. Reaktionen führen zu Reflektionen und Reflektionen wiederum zu Aktionen, die hoffentlich in Veränderung resultieren.

CMF Können Sie mir mehr über die Form- und Farbgebung von „A Basic Instinct“ verraten?

AAJ Die Formen sind meine abstrakte Interpretation des weiblichen Körpers – einige Teile sind übertrieben und grob, einige raffiniert und elegant. Für die Farbe habe ich Rouge in das Baumaterial gemischt. Die Kombination der abstrakten Formen und des Make-ups soll die weibliche Komplexität darstellen.

CMF Sie haben die Körpersprache von Männern und Frauen in Late-Night-Shows analysiert – was waren die Erkenntnisse?

AAJ Es war wirklich interessant zu sehen, wie verschiedene Menschen den ihnen zur Verfügung gestellten Platz einnehmen und sich positionieren. Ganz besonders Frauen strahlen eine unglaubliche Unsicherheit mit ihrer Körpersprache aus, weil sie sich ihrer selbst so bewusst sind. Sie versuchen zu kontrollieren, dass ihre Kleidung richtig sitzt und dass sie möglichst ihre Schokoladenseite präsentieren. Männer hingegen sind weniger kontrolliert. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Gesellschaft eher dazu neigt Frauen wegen ihrer Erscheinung zu verurteilen und diskriminieren.

CMF Das weibliche Äquivalent zu „Manspreading“ wäre die Frau, die ihre Beine übereinander schlägt. Soziale Norm oder einfach Bequemlichkeit?

AAJ Wenn wir uns in der Öffentlichkeit befinden, sind wir stark von sozialen Normen beeinflusst. Es handelt sich um gesellschaftliche Muster, die über hunderte von Jahren etabliert und anerzogen wurden. Der Mensch ist ein Rudeltier. Er lebt mit der ständigen Angst negativ herauszustechen. Das treibt uns dazu nach diesen Normen zu handeln – bewusst, aber auch unbewusst. Trotzdem finde ich es komfortabel meine Beine zu überschlagen.

CMF Sie scheinen gern mit Stühlen zu arbeiten.

AAJ Stühle haben mich schon immer fasziniert. Sitzen wird als etwas verstanden, auf das jeder ein Recht hat; etwas Alltägliches, zu dem jeder einen Bezug hat. Die Manipulation dieser selbstverständlichen Handlung stört unsere Wahrnehmung von Normalität und regt zum Hinterfragen an.

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