Alejandro

Jodorowsky

Psychomagie now! Mit halluzinatorischen Fieberträumen wie “El Topo” und “Holy Mountain” wurde der Chilene Alejandro Jodorowsky zum Lieblingsregisseur der Gegenkultur. John Lennon war Fan, Salvador Dalí auch, Marilyn Manson ist es immer noch. Er begründete das Genre des Midnight Movie, scheiterte an der Verfilmung des Science-Fiction-Klassikers “Dune” und hatte sowieso anderes zu tun. Tarotkarten legen zum Beispiel, Comicbücher veröffentlichen und Heilverfahren namens Psychomagie erfinden. 20 Jahre lang jedenfalls drehte Jodorowsky keinen Film. Nun, mit 89, rollt er sein Leben von vorne auf: “Dance of Reality” handelt von seiner Kindheit in Chile, in “Endless Poetry” geht es um seinen Sturm und Drang in Santiago. Es soll eine Trilogie werden, der letzte Teil ist in Arbeit.

FRAUKE FENTLOH Ich habe in einer alten Interview-Ausgabe ein Gespräch zwischen Andy Warhol und John Lennon gelesen. Da erzählt Lennon, dass er mit Ihnen einen Film drehen wollte, es dann aber doch nicht tat, weil er nicht ohne Yoko Ono nach Mexiko reisen mochte. Erinnern Sie sich daran?

ALEJANDRO JODOROWSKY John Lennon? Offen gestanden, nein. Ich erinnere mich aber an einen der anderen Beatles, nicht Ringo, sondern den anderen …

FF George Harrison?

AJ George Harrison. Er wollte in “Holy Mountain” mitspielen. Er war aber mit einigen Szenen nicht einverstanden. Er sollte ein Bad mit einem Alchemisten nehmen, meinte aber, wenn er nackt sein müsste, ginge es nicht. Das wollte er nicht machen. Ich wollte ja erst nichts sagen, aber dann entschied ich: nein. Vielleicht war das ein großer Fehler, ich könnte heute sehr reich sein, haha! Aber ich wollte nicht den Ruhm oder das Geld, ich wollte meinen Film drehen.

FF Wo haben Sie dann Ihre Schauspieler gefunden?

AJ Nicht in Hollywood. Ich wollte völlig frei sein von großen Egos. Die meisten habe ich im richtigen Leben gefunden. Ein paar im Max’s Kansas City, das war ja damals ein berühm­ter Club in New York. Dort kamen die Transvestiten her. Die habe ich alle selbst ausgesucht, keine Schau­spieler, sondern wahre Charaktere. Wenn es eine reiche Person im Film gab, habe ich mir eine reiche Person gesucht. Wenn ich einen Millionär wollte, habe ich einen Millionär auf­getrieben, der das gemacht hat.

FF Hat das Max’s Kansas City Sie damals interessiert?

AJ Das war nicht wirklich mein Le­bensstil. Ich trinke keinen Alkohol, ich nehme keine Drogen. Aber ich bin hingegangen, weil man mir gesagt hatte, dass man dort die unglaublichs­ten Menschen von New York trifft.

FF Musiker scheinen Sie aber immer besonders geliebt zu haben.

AJ Ja, ja, John Lennon und Yoko Ono haben “El Topo” ins Elgin Theatre in New York gebracht. Der Film hat ein ganzes Genre begründet, die Midnight Movies. Weil er immer um Mitter­nacht gezeigt wurde. Dann luden sie mich plötzlich zu einem großen Kon­zert im Madison Square Garden ein. Ein Konzert für Bangladesch, bei dem viele berühmte Musiker auftraten, die Beatles und so weiter, die berühmten Avantgardekünstler. Ich hatte keine Ahnung, warum sie mich einluden! Eine Limousine wartete auf mich. Ich saß in der ersten Reihe, und nach dem Konzert gingen wir in ein Restaurant. Und all die Musiker kannten mich. Ich war für die ein Star, was sehr seltsam war. Ich kannte diese Kultur überhaupt nicht. Aber ich habe mich daran gewöhnt.

FF Auch Kanye West hat für seine “Yeezus”-Tour Ihren “Holy Mountain” imitiert. Haben Sie das gesehen?

AJ Ja, er hat mich in Nizza besucht. Er hat mich angerufen, ich kannte ihn ja gar nicht. Ich habe im Negresco gewohnt, das ist ein wunderbares großes Hotel in Nizza. Alle waren ganz aus dem Häuschen, als er dort hinkam, um mich zu be­suchen. Es war mir eine große Freude.

FF Sie zwei mochten sich also.

Vorbereitungen zu „Dune”, Alejandro Jodorowsky, Sardaukar und Jean Moebius Giraud

AJ Der Mensch hat ja immer eine öffentliche und eine private Persönlichkeit. Au­ßerhalb des Scheinwerferlichts ist er eine sehr nette Person. Dieses Jahr habe ich Gemälde bei einer Ausstellung in Los Angeles gezeigt, und er hat zwei gekauft. Ich weiß wirklich nicht, was diese ganzen Rockmusiker mit mir haben. Ich habe ja auch Marilyn Manson verheiratet.

FF Solche Dinge scheinen Ihnen einfach zuzustoßen.

AJ Aber Marilyn hatte ich im Fernse­hen gesehen. Er war eine revolutionä­re Person, und ich dachte, ich könnte einen Film mit ihm drehen, aber ich wusste nicht, wie ich ihn erreichen könnte. Eines Tages rief mich jemand um 3 Uhr morgens an. Ich nahm ab und sagte: “Was soll das, wieso rufen Sie mich um diese Zeit an?” Und er sagte: “Ich bin Marilyn Manson.” Und ich: “Verkohlen Sie mich nicht, nennen Sie mir Ihren Namen!” Aber er war es. Er kannte “Holy Mountain” und wollte einen Film drehen: “Holy­Wood.” Ich sagte: “Schicken Sie mir ein Dreh­buch.” Daraus entstand eine Freund­schaft, er lud mich zu seinen Konzer­ten ein, bat mich, ihm das Tarotlegen beizubringen. Das habe ich getan, ich bin nämlich Tarotmeister.

FF Aber wieso haben Sie ihn und Dita Von Teese verheiratet? Sie sind doch kein Priester.

AJ Er hatte sich das gewünscht. Er wollte, dass ich angezogen bin wie der Alchemist in “Holy Mountain”. Ich hatte das Kostüm natürlich nicht mehr. Und ich war in Paris, er war in Los Angeles. Ich habe ihm dann meine Maße geschickt, und er hat ein Kostüm für mich anfertigen las­sen. Die Hochzeit fand in Irland auf einem Schloss statt. Da staunen Sie, was? Es ist ziemlich unglaublich.

FF Braucht man dazu keine Lizenz?

AJ Nein, jeder kann jeden verheiraten.

FF Das ist gut zu wissen.

AJ Warum nicht!

FF Wieso haben Sie jahrzehntelang keine Filme gedreht?

AJ Weil ich nicht auf industrielle Weise arbeite. Film ist eine Industrie, und das Ziel dieser Industrie ist es, Geld zu verdienen. Mein Ziel ist es, meine See­le zu öffnen. Poesie zu erschaffen. Ich verstehe das: dass Business Business ist. Aber die Kunst ist auch die Kunst. Ich will nicht, dass Millionen Menschen meine Filme sehen, sondern dass intelligente Menschen meine Filme sehen. Die Kunst des Films ist so teuer, es ist die teuerste Kunstform, die es gibt. Es ist schwer für mich, das Geld aufzutreiben, um einen teuren Film zu drehen. Da­rum habe ich lange Zeit andere Dinge gemacht, ich habe nämlich viele Talen­te, haha. Aber keine Filme zu drehen hat mir große Qualen bereitet. Ich habe gelitten, 20 Jahre lang. Dann konnte ich endlich “Dance of Reality” drehen.

FF Darin sind Sie selbst die Hauptfigur, Sie erzählen Ihre Lebensgeschichte.

AJ Nun, nach 20 Jahren hatte sich meine Vorstellung vom Film verändert. Auf versteckte Weise habe ich immer Filme über mein Leben gedreht. Aber nicht offensichtlich. Jetzt habe ich die Maske abgelegt. Ich lebe ein reales Leben. Ich arbeite an einer Trilogie. Im ersten Teil ging es um meine Kindheit in Chile. Ich wurde in einer kleinen Stadt geboren, einer sehr, sehr kleinen Stadt. Einer sehr, sehr, sehr, sehr kleinen. Gerade bereite ich den dritten Teil vor. Da geht es um die Zeit, als ich Chile verließ und nach Frankreich und dann nach Mexiko ging. Außerdem sitze ich gerade an einer Dokumentation über eine Disziplin des Heilens, die revolutionär ist, wie immer. In der Psychoanalyse.

FF Ach. Erzählen Sie.

AJ Das Verfahren nennt sich Psychomagie. Es geht darum, mithilfe der Kunst Krankheiten der Seele zu heilen. Für mich ist Kunst ein Mittel zum Heilen. Da­rum geht es für mich in der Kunst.

FF In “Endless Poetry” spielt Ihr jüngster Sohn Ihr eigenes, jüngeres Selbst, und Ihr ältester Sohn spielt Ihren Vater. Klingt in der Tat ganz schön psychoanalytisch.

AJ Und nicht nur das! Meine Frau Pascale hat die Gemälde gemalt und die Kos­tüme entworfen. Mein dritter Sohn, Adan, hat die Musik komponiert. Ich versu­che, das in der Familie zu halten. Sie sind Künstler. Künstler, die ich liebe!

FF Und wie war es für Sie, Ihren Sohn als Ihren Vater zu sehen?

AJ Wie eine Atombombe in meinem Gehirn! Wir wussten, dass wir da Psycho­magie betreiben. Die habe ich dort angewandt. Es ging sehr tief. Ich wollte mich selbst heilen, denn ich habe eine sehr, sehr problematische Familie gehabt. Eine Familie von Einwanderern in einem verlorenen Land, Chile. Sie waren vor den Kosaken und Pogromen aus Russland geflohen. Sehr problematisch, davon er­ zähle ich ja im Film.

FF Sind diese beiden neuen Filme der Schlüssel zu den Filmen, die Sie früher gemacht haben?

AJ Ja, ja, ja, sie liefern eine Erklärung. In diesen beiden Filmen ging es mir völlig um Psychomagie. Ich habe mein ganzes Leben lang nach einem Weg gesucht, wie die Kunst oder die Filmkunst spirituelle Probleme heilen und die Seele ent­wickeln kann. Aber ich habe mich in den Filmen immer versteckt. In den neuen Filmen zeige ich einen Teil von mir.

FF Ihre Filme sind stets mit psychedelischen Drogen in Verbindung gebracht worden.

„Die Kunst ist die Kunst“ – Plakat für einen ungedrehten Film

AJ Ich glaube, das liegt an ihrer Atmosphäre. Aber mir ging es um Kunst. Reine Kunst. Kunst ist der freie Ausdruck des Unbewussten. Sie ähnelt dem Traum, und LSD und andere Drogen erzeugen vielleicht ähnliche extraordinäre Bilder. Aber das rätselhafte Wesen, das wir Gott nennen, hat mir eine ausgeprägte Vor­stellungskraft gegeben. Ich brauche überhaupt nichts, um mir etwas vorstellen zu können. Bloß mein Talent.

FF Geben Sie noch diese Konsultierungen, die Tarotlesungen?

AJ Für “Endless Poetry” habe ich Crowdfunding gemacht. Ich habe nämlich vier Millionen Follower bei Twitter und Facebook. Den Menschen, die Geld in meinen Film gesteckt haben, habe ich im Gegenzug poetisches Geld zuge­schickt. Ich habe auch angeboten, Ihnen das Tarot zu legen. Das wollten vie­le. Ich beschloss, für 100 Menschen die Karten zu legen, auch auf Facebook. Ohne die Zukunft vorauszusagen, das mache ich nämlich nicht, ich bin kein Zauberer. Aber es ist sehr interessant — wie ein Film. Ich habe vor 50 Jahren mit dem Tarot angefangen, das ist ein halbes Jahrhundert!

„Bald wird es zwei Arten von Menschen geben: Absolute Idioten und sehr intelligente Mutanten. Und diese Mutanten werden die Welt retten. Die Menschheit wird sich verändern. Es wird psychische und spirituelle Mutationen geben. Selbst physische.”

Alejandro Jodorowsky

FF Wie haben Sie das gelernt?

AJ Aus berühmten Büchern. Ich habe lange nach dem besten Tarot gesucht. Das ursprüngliche Tarot ist das Marseille­-Tarot. Es ist wie dieses Spiel, bei dem man nicht weiß, worum es überhaupt geht. Man geht in einen Raum, öffnet eine Tür und so weiter. Sie müssen während des Spiels herausfinden, worum es sich dreht. So ist das Tarot. Das Tarot war mein Meister.

FF Können Sie es sich selbst legen?

AJ Ich kann es machen, aber ich lüge! Es ist sehr, sehr schwierig, das für sich selbst zu machen. Wenn das Tarot gut ist, bestens. Aber wenn man darin etwas sieht, was einem nicht gefällt, fängt man an zu betrügen, sich selbst anzulügen. Aber meine Frau fragt mich jeden Tag: “Kannst du mir das Tarot legen, ich habe da ge­rade ein Problem.” Meine Söhne, meine Freunde, alle. Ich habe auch das Tarot für Kanye West gelegt, als ich ihn getroffen habe. Dem Präsidenten von Chile auch. Meinem Zahnarzt, da habe ich gesehen, dass er in seine Sekretärin verliebt ist und seine Frau betrügt.

FF Oh. Haben Sie bei Kanye West auch etwas entdeckt?

AJ Er war auf der Suche nach einer neuen Show, er wollte ein Theater konstruieren, daran erinnere ich mich. Aber wenn ich das Tarot lege, gerate ich in eine Trance, ich erreiche eine andere Bewusstseinsebene. Zehn Minuten später habe ich alles vergessen. Wie einen Traum. Wie heißt noch gleich der Regisseur von “Drive”?

FF Nicolas Winding Refn.

AJ Vor jedem Film, den er dreht, lässt er sich von mir das Tarot legen.

FF Wahrscheinlich, weil Sie eine besondere Verbindung zu den Dingen haben. Glauben Sie an andere Welten, ein Nachleben?

AJ Ich weiß Dinge. Aber ich kann nichts sagen über das, was ich nicht selbst erlebt habe. Weil ich noch lebe. Ich weiß, dass ich sterben werde, da bin ich mir sicher. Was später kommt, weiß ich nicht. Ich wäre sehr glück­lich, wenn es ein Leben nach dem Tod gäbe. Wenn nicht, dann auch, ich werde es ja nicht merken. Wenn ich morgens aufwache, weiß ich nicht, wie lange ich geschlafen habe. Vielleicht wacht man eines Tages in einer anderen Welt auf und 1000 Jahre sind vergangen. Die Frage ist eigentlich nicht, gibt es eine andere Welt, sondern: Bin ich wirklich wach? Tue ich wirklich, was ich tun muss? Lebe ich mit den Menschen, die ich liebe? Habe ich ein Talent? Warum bin ich hier, und was kann ich tun, um die Welt ein wenig zu verändern? Helfe ich irgendwem, mit dem, was ich tue?

FF Haben Sie Antworten auf diese Fragen gefunden?

AJ In sechs Monaten werde ich 90 Jah­re alt. Ich bin ein sehr alter Mann. Wenn man mich sieht, glaubt man es kaum! Aber ich bin fast 90. Und wenn ich mit 90 noch keine Antworten auf diese Fragen hätte, wäre ich ein Idiot. Wenn man aufmerksam ist, entdeckt man das Wunderbare. Selbst unsere Körper sind ein Wunder. Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um den Körper zu fabrizieren, in dem wir leben.

„Holy Mountain”, 1973

FF Sind Sie optimistisch, was die Menschheit angeht?

AJ Absolut. Ich bin völliger Optimist. Ich glaube an Schmetterlinge. Der Schmetterling war mal ein Wurm, dann macht er eine Metamorphose durch und wird zum Schmetterling. Meiner Ansicht nach kämpft unsere Gesellschaft gerade ums Leben oder Sterben. Wir befinden uns in einer fantastischen Krise. Eine fantasti­sche Krise! Fantastisch! Alles ist in der Krise. Die Wirtschaft, das Geld, der Petrodollar. Präsidenten sind Clowns. Die politische Dekadenz ist unglaublich. Religion. Kunst ist bloß ein Geschäft. Konsum. Wir töten den Planeten. Es ist furchtbar! Aber ich bin völlig und absolut optimis­tisch. Um etwas Neues zu erschaffen, muss vieles zerstört werden. Ich hab ein enormes Vertrauen in die Metamorphose. Das Tier ändert sich, die Pflanze ändert sich, Mikroben pas­sen sich an eine neue Umgebung an. Deswegen funktioniert ja heute nicht einmal mehr das Antibiotikum. Die kleinen Organismen sind stärker, weil sie mutieren. Bald wird es zwei Arten von Menschen geben: absolu­te Idioten und sehr intelligente Mu­tanten. Und diese Mutanten werden die Welt retten. Die Menschheit wird sich verändern. Es wird psychische und spirituelle Mutationen geben. Selbst physische.

FF Klingt wie Science-Fiction.

AJ Das ist keine Science­Fiction, so wird es sein! Sie werden überrascht sein, wenn Sie Ihre Kinder sehen.

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